Rott, Hans ; Rott, Hans [Editor]
Quellen und Forschungen zur südwestdeutschen und schweizerischen Kunstgeschichte im XV. und XVI. Jahrhundert (Band 1, Text): Bodenseegebiet — Stuttgart, 1933

Page: 97
DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/rott1933bd1_2/0102
License: Public Domain Mark Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
KONSTANZ UND SEINE UMGEBUNG

97

IL DIE BILDHAUEREI.

Abb. 50. Initiale aus dem Missale Hugos voi
Hohenlandenberg. Von Ulrich Taler.

Bei dem derzeitigen Stand der For-
schung über die Bildhauerkunst in der
ehem. Reichsstadt Konstanz und ihrer
weitem Umgebung während des 15..Jahr-
hunderts, die noch fast in den Anfängen
steckt, versage ich mir vorerst ein tiefe-
res Eingehen auf die vorhandenen wie
auch in Museen zerstreuten Denkmäler
und versuche in wenigen raschen Stri-
chen eine Übersicht über die Meister und
ihre etwaige dokumentierte Tätigkeit zu
geben, soweit sich ihre Person auf Grund
des vorliegenden, höchst lückenhaften
archivalischen Materials erstmalig ans
Tageslicht ziehen ließ, wobei der nahezu
vollständige Verlust an Akten und Rech-
nungen der Münsterfabrik für diese Epoche besonders schmerzlich empfun-
den wird.

Auffallend klein ist namentlich bis ins dritte Viertel dieses Jahrhunderts die
Zahl der überlieferten Bildhauernainen, unter denen sich zunächst nur Bild-
schnitzer, d. h. Bildhauer in Holz finden, wie der sehr wohlhabende, an 50 Jahre
tätige Claus Keinerlei- (f 1575/76) und der Nürnberger, später (1460) in seine
Heimatstadt zurückgekehrte Hans Richtinayer. Einer dieser beiden Bildhauer
und Kunstschreiner hat, wie aus den Verhandlungen des großen Zunftstreites
von 1490 zu schließen, das ältere Chorgestühl des Münsters erstellt, das nach
Mangolds Chronik um 1160 bereits dem neuen aus der Kunstschreinerei Simon
Haiders weichen mußte und beute noch im Chor der Stephanskirche vorhan-
den ist1.

Hinter dem leider einstweilen namenlosen „Meister von 1445—54", der in den
Steuerlisten bald als „bildhower** oder „bildsiiider", bald „bildschnetzer" bezeich-
net wird und der im Rad neben den Malern Peter und Hans Murer seine Werk-
statt aufgeschlagen hatte, aber in den Jahren i445—47 „selten hie"", d. h. öfters
auswärts hantierte, verbirgt sich vermutungsweise jener Steinbildhauer, der um
1445 die sehr beachtenswerten und bei der Spärlichkeit des überkommenen
Denkmälerbestandes für die Geschichte der Bodenseeplastik höchst wichtigen
und eigenartigen Bildwerke an dem 1446 vollendeten Schnegg im Thomaschor
des Münsters schuf. Von dem Steinmetz-Baumeister, vermutlich einem bauver-

1- Qu. p. 85 und 126.
loading ...