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Julius Ruska
ERSTER HAUPTABSCHNITT.
I. Die ältere hermetische Literatur.
Es ist wohlbekannt, daß die Gestalt des Hermes Trismegistos auf
den ägyptischen Gott Thot oder Toth zurückgeht. Die Charakterzüge
und Funktionen dieses Gottes hat R. Pietschmann 1875 in einer heute noch
wertvollen Studie1 aus hieroglyphischen Texten zusammengestellt. Ur-
sprünglich Gott des Mondes, wird er zum Gott der Zeitrechnung und
Astrologie, Berechner des Himmels und aller seiner Sterne, Berechner der
Welt und alles dessen, was in ihr ist. Von hier aus wird er Herr über
Maß und Zahl, insbesondere auch bei der Vermessung der Tempelbauten.
Weiter wird er zum Gotte der Schrift und aller bildlichen Darstellung.
Daß er auch als Gott der Bibliotheken gilt, ist für ägyptische Verhält-
nisse nur selbstverständlich. Schließlich sieht man in ihm den Urheber
jedes Schriftstücks, insbesondere jeder Art Wissenschaft.2
Eine merkwürdige Inschrift aus der Ptolemäerzeit, über die G. Ebers
referiert3, mag dies für einen Sonderfall bestätigen. Danach sendet der
1 R. Pietschmann, Hermes Trismegistos nach ägyptischen, griechischen und orien-
talischen Überlieferungen, Leipzig 1875, S. 12 ff. Die in der griechischen Literatur vor-
kommenden verschiedenen Schreibungen des ägyptischen Gottesnamens sind S. 31 zu-
sammengestellt. — Völlig veraltet ist die Schrift von Μ. Uhlemann, Thoth oder die
Wissenschaften der alten Ägypter, Göttingen 1855. Die neueste Darstellung des Gegen-
standes durch P. Boylan, Thoth the Hermes of Egypt, Oxford Union Press 1922, auf die
mich Prof. H. Ranke nach Abschluß des Manuskriptes aufmerksam machte, benützt ein
weit umfassenderes inschriftliches Material als Pietschmanns Arbeit; sie konnte nur noch
in einigen Anmerkungen verwertet werden.
2 Ich ergänze das oben Gesagte durch einige Sätze aus Boylan : Die Kapitel V. Thoth
as lunar deity; IX. Thoth as founder of social Order and of sacred ritual; X. Thoth as
author of the 'Divine Words1; XL Thoth the all-knowing; XII. Thoth as Creator; XIII. Ihoth
in magic bestätigen die nach Pietschmann gegebene Charakteristik des Gottes. Zur Magie
und Medizin bemerkt Boylan S. 124ff: Thoth, as the wisest of the gods, became for
the Egyptian, of necessity, a magician. We saw above that Thoth Stands in closest
relation with temples and cult. Between the prayer of worship, and the formules of
the magician, there was a striking similarity. . . . Thoth, therefore, as lord of ritual,
became also inevitably lord of magic. Again, we have seen that Thoth was the skilled
physician who healed the damaged eye of Horus, and that he was the patron of phy-
sicians generally. Magic and medecine were, at one time, but different names for the
same Science etc. — Über τρισμέγιστος als Beinamen des Thot vgl. S. 129, Note (2).
Hieroglyphentexte alchemistischen Inhalts werden nirgends erwähnt.
3 G. Ebers, Die sieben Jahre der Hungersnot aus der Joseph-Geschichte, S. 102.
Abgedruckt in Ägyptische Studien und Verwandtes. Zu seinem Andenken gesammelt.
Mit Vorwort von G. Steindorff, Stuttgart 1900, S. 96 ff. Vgl. R. Reitzenstein, Poimandres,
S. 120, 129.
Julius Ruska
ERSTER HAUPTABSCHNITT.
I. Die ältere hermetische Literatur.
Es ist wohlbekannt, daß die Gestalt des Hermes Trismegistos auf
den ägyptischen Gott Thot oder Toth zurückgeht. Die Charakterzüge
und Funktionen dieses Gottes hat R. Pietschmann 1875 in einer heute noch
wertvollen Studie1 aus hieroglyphischen Texten zusammengestellt. Ur-
sprünglich Gott des Mondes, wird er zum Gott der Zeitrechnung und
Astrologie, Berechner des Himmels und aller seiner Sterne, Berechner der
Welt und alles dessen, was in ihr ist. Von hier aus wird er Herr über
Maß und Zahl, insbesondere auch bei der Vermessung der Tempelbauten.
Weiter wird er zum Gotte der Schrift und aller bildlichen Darstellung.
Daß er auch als Gott der Bibliotheken gilt, ist für ägyptische Verhält-
nisse nur selbstverständlich. Schließlich sieht man in ihm den Urheber
jedes Schriftstücks, insbesondere jeder Art Wissenschaft.2
Eine merkwürdige Inschrift aus der Ptolemäerzeit, über die G. Ebers
referiert3, mag dies für einen Sonderfall bestätigen. Danach sendet der
1 R. Pietschmann, Hermes Trismegistos nach ägyptischen, griechischen und orien-
talischen Überlieferungen, Leipzig 1875, S. 12 ff. Die in der griechischen Literatur vor-
kommenden verschiedenen Schreibungen des ägyptischen Gottesnamens sind S. 31 zu-
sammengestellt. — Völlig veraltet ist die Schrift von Μ. Uhlemann, Thoth oder die
Wissenschaften der alten Ägypter, Göttingen 1855. Die neueste Darstellung des Gegen-
standes durch P. Boylan, Thoth the Hermes of Egypt, Oxford Union Press 1922, auf die
mich Prof. H. Ranke nach Abschluß des Manuskriptes aufmerksam machte, benützt ein
weit umfassenderes inschriftliches Material als Pietschmanns Arbeit; sie konnte nur noch
in einigen Anmerkungen verwertet werden.
2 Ich ergänze das oben Gesagte durch einige Sätze aus Boylan : Die Kapitel V. Thoth
as lunar deity; IX. Thoth as founder of social Order and of sacred ritual; X. Thoth as
author of the 'Divine Words1; XL Thoth the all-knowing; XII. Thoth as Creator; XIII. Ihoth
in magic bestätigen die nach Pietschmann gegebene Charakteristik des Gottes. Zur Magie
und Medizin bemerkt Boylan S. 124ff: Thoth, as the wisest of the gods, became for
the Egyptian, of necessity, a magician. We saw above that Thoth Stands in closest
relation with temples and cult. Between the prayer of worship, and the formules of
the magician, there was a striking similarity. . . . Thoth, therefore, as lord of ritual,
became also inevitably lord of magic. Again, we have seen that Thoth was the skilled
physician who healed the damaged eye of Horus, and that he was the patron of phy-
sicians generally. Magic and medecine were, at one time, but different names for the
same Science etc. — Über τρισμέγιστος als Beinamen des Thot vgl. S. 129, Note (2).
Hieroglyphentexte alchemistischen Inhalts werden nirgends erwähnt.
3 G. Ebers, Die sieben Jahre der Hungersnot aus der Joseph-Geschichte, S. 102.
Abgedruckt in Ägyptische Studien und Verwandtes. Zu seinem Andenken gesammelt.
Mit Vorwort von G. Steindorff, Stuttgart 1900, S. 96 ff. Vgl. R. Reitzenstein, Poimandres,
S. 120, 129.



