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Julius Ruska
II. Hermes Trismegistos bei den Syrern und Persern.
Hätten wir uns mit dem gesamten hermetischen Schriftenkreis aus-
einanderzusetzen, so wäre auch den Syrern und der syrischen Literatur
ein etwas größerer Raum, der Übertragung und Weiterbildung herme-
tischer Gedankenreihen mehr Aufmerksamkeit zu widmen. Da aber ledig-
lich die Alchemie des Hermes in Frage steht, wird über die Syrer nur
wenig zu sagen sein.
Es ist verhängnisvoll, daß uns die Literatur dieser zum Christentum
bekehrten Aramäer fast nur als eine von theologischen, erbaulichen und
asketischen Gedanken beherrschte Klerikerliteratur entgegentritt oder
wenigstens in der großen Masse der erhaltenen Denkmäler sich als solche
darstellt. Es kann kaum bezweifelt werden, daß dieses Bild von heute
nicht mit dem einstigen Bestände der syrischen Literatur übereinstimmt,
sondern sich durch einseitige Bevorzugung kirchlicher Interessen unter
absichtlicher oder fahrlässiger Zerstörung der wissenschaftlichen Über-
lieferungen nach und nach zu ungunsten der Profanliteratur verschoben hat.
Wir dürfen annehmen, daß im aramäischen Sprachgebiet, im weitesten
Sinne verstanden, in den Jahrhunderten vor der Ausbreitung des Islam
eine durchaus beachtenswerte weltliche und wissenschaftliche Literatur be-
standen hat, und daß sie auch nachher noch in abgelegeneren Provinzen,
die der Islam sich nicht so schnell geistig erobern konnte, einige Jahr-
hunderte weiter bestand.
Zwischen den alten Großmächten eingebettet, bei allen kriegerischen
Verwicklungen und staatlichen Umwälzungen mehr zum Dulden als zum
Handeln bestimmt, dauernd und von allen Seiten her fremden Einflüssen
ausgesetzt, hat das aramäische Volkstum seit der Seleukidenherrschaft
besonders starke Einflüsse vom Griechentum erfahren, sicher aber auch
dem Hellenismus babylonische und persische Gedanken vermittelt. Aus
den Zeiten des werdenden Christentums und der Gnosis sei an Bardesanes
aus Edessa (gest. 222) erinnert, bei dem wir Auseinandersetzungen über
astrologische Lehren und die Bedeutung der Schicksalsmacht für die
menschliche Willensfreiheit antreffen.1 Ziemlich früh findet sich auch
1 A. Merx, Bardesanes von Edessa, Halle 1863. Das syrische Original des von einem
Schüler des Bardesanes verfaßten Buchs der Gesetze der Länder bei Cureton, Spici-
legium Syriacum, London 1855. Biographie und weitere Literatur bei A. Baumstark, Gesch.
syr. Literatur, S. 12 ff. Besonders wichtig für die Astrologie 'ist F. Nau, Bardesane
VAstrdlogue, Paris 1899.
Julius Ruska
II. Hermes Trismegistos bei den Syrern und Persern.
Hätten wir uns mit dem gesamten hermetischen Schriftenkreis aus-
einanderzusetzen, so wäre auch den Syrern und der syrischen Literatur
ein etwas größerer Raum, der Übertragung und Weiterbildung herme-
tischer Gedankenreihen mehr Aufmerksamkeit zu widmen. Da aber ledig-
lich die Alchemie des Hermes in Frage steht, wird über die Syrer nur
wenig zu sagen sein.
Es ist verhängnisvoll, daß uns die Literatur dieser zum Christentum
bekehrten Aramäer fast nur als eine von theologischen, erbaulichen und
asketischen Gedanken beherrschte Klerikerliteratur entgegentritt oder
wenigstens in der großen Masse der erhaltenen Denkmäler sich als solche
darstellt. Es kann kaum bezweifelt werden, daß dieses Bild von heute
nicht mit dem einstigen Bestände der syrischen Literatur übereinstimmt,
sondern sich durch einseitige Bevorzugung kirchlicher Interessen unter
absichtlicher oder fahrlässiger Zerstörung der wissenschaftlichen Über-
lieferungen nach und nach zu ungunsten der Profanliteratur verschoben hat.
Wir dürfen annehmen, daß im aramäischen Sprachgebiet, im weitesten
Sinne verstanden, in den Jahrhunderten vor der Ausbreitung des Islam
eine durchaus beachtenswerte weltliche und wissenschaftliche Literatur be-
standen hat, und daß sie auch nachher noch in abgelegeneren Provinzen,
die der Islam sich nicht so schnell geistig erobern konnte, einige Jahr-
hunderte weiter bestand.
Zwischen den alten Großmächten eingebettet, bei allen kriegerischen
Verwicklungen und staatlichen Umwälzungen mehr zum Dulden als zum
Handeln bestimmt, dauernd und von allen Seiten her fremden Einflüssen
ausgesetzt, hat das aramäische Volkstum seit der Seleukidenherrschaft
besonders starke Einflüsse vom Griechentum erfahren, sicher aber auch
dem Hellenismus babylonische und persische Gedanken vermittelt. Aus
den Zeiten des werdenden Christentums und der Gnosis sei an Bardesanes
aus Edessa (gest. 222) erinnert, bei dem wir Auseinandersetzungen über
astrologische Lehren und die Bedeutung der Schicksalsmacht für die
menschliche Willensfreiheit antreffen.1 Ziemlich früh findet sich auch
1 A. Merx, Bardesanes von Edessa, Halle 1863. Das syrische Original des von einem
Schüler des Bardesanes verfaßten Buchs der Gesetze der Länder bei Cureton, Spici-
legium Syriacum, London 1855. Biographie und weitere Literatur bei A. Baumstark, Gesch.
syr. Literatur, S. 12 ff. Besonders wichtig für die Astrologie 'ist F. Nau, Bardesane
VAstrdlogue, Paris 1899.



