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Julius Ruska
J Ί
ZWEITER HAUPTABSCHNITT.
III. Hermetische Literatur in arabischem Gewände.
Wenn wir nunmehr die hermetischen Lehren in der Alchemie des
islamischen Kulturkreises ins Auge fassen, begeben wir uns wieder
in das Stammland der Alchemie, nach Ägypten zurück, auf dessen Boden
wir das natürliche Fortleben der Überlieferung zu erwarten haben.
Seit dem Jahr 640, noch unter dem Kalifat 'Omars, hatten sich
die Araber in Ägypten festgesetzt. Drei Jahre später hatte der Feld-
herr 'Amr Alexandrien ohne Schwertstreich genommen, und bald da-
rauf waren die Eroberer bis nach Tripolis vorgedrungen.1 Die Verwaltung
des Landes und die Steuererhebung vollzog sich weiter in den Formen
des byzantinischen Beamtenstaats, nur daß die Kopten nicht mehr dem
griechischen Kaiser, sondern dem arabischen Kalifen zinspflichtig wurden.
Selbst unter den ersten Omajjaden war die Amtssprache noch vorwiegend
griechisch. Die nachhaltige Arabisierung setzt erst unter 'Abdalmalik
(685 — 705) und alWalid(705—716) ein.2 In dieser Zeit schon beiden
Muslimen, und sei es auch nur bei einzelnen hochstehenden Männern,
Interesse an griechischer Wissenschaft oder gar praktische Betätigung auf
dem Gebiet der Alchemie anzunehmen, ist eine historische und psycho-
logische Unmöglichkeit. Auf alle Fälle entspräche eine Einstellung zu den
Büchern der Griechen, wie sie in der bekannten Legende von Omar er-
zählt wird3, auch um 700 noch dem allgemeinen Zeitbewußtsein besser
als jene andere von der Vorliebe des Omajjaden Chalid für griechische
Medizin und Alchemie. Es ist nicht schwer zu verstehen, daß die Ge-
schichte von Chalids romantischem oder praktischem Interesse an der
Alchemie in einem Zeitalter aufkam, das nach dem Vorbild der Tradi-
tionisten auch für die Wissenschaften Überlieferungsketten herzustellen
versuchte, so daß man den letzten griechischen Alchemisten, Stephanos
von Alexandrien, direkt oder durch Vermittlung des Marianos mit Chälid,
diesen mit Cra'far, und diesen wieder mit üäbir in Verbindung brachte.
Sie findet aber weder in den uns bekannten Verhältnissen am Omajjaden-
1 Für die Einzelheiten vgl. G. Weil, Geschichte der Chalifen, Bd. I, S. 105; William
Muir, Annals of the early Caliphate, S. 239 ff.; A. Müller, Der Islam, Bd. I, S. 262 ff.
2 Vgl. die vorhin genannten Werke und C. H. Becker, Islamstudien.
3 Ich meine die angebliche Zerstörung der Bibliothek von Alexandrien; die Le-
gende ist schon von G. Weil, a. a. O., S. 116 zurückgewiesen worden.
Julius Ruska
J Ί
ZWEITER HAUPTABSCHNITT.
III. Hermetische Literatur in arabischem Gewände.
Wenn wir nunmehr die hermetischen Lehren in der Alchemie des
islamischen Kulturkreises ins Auge fassen, begeben wir uns wieder
in das Stammland der Alchemie, nach Ägypten zurück, auf dessen Boden
wir das natürliche Fortleben der Überlieferung zu erwarten haben.
Seit dem Jahr 640, noch unter dem Kalifat 'Omars, hatten sich
die Araber in Ägypten festgesetzt. Drei Jahre später hatte der Feld-
herr 'Amr Alexandrien ohne Schwertstreich genommen, und bald da-
rauf waren die Eroberer bis nach Tripolis vorgedrungen.1 Die Verwaltung
des Landes und die Steuererhebung vollzog sich weiter in den Formen
des byzantinischen Beamtenstaats, nur daß die Kopten nicht mehr dem
griechischen Kaiser, sondern dem arabischen Kalifen zinspflichtig wurden.
Selbst unter den ersten Omajjaden war die Amtssprache noch vorwiegend
griechisch. Die nachhaltige Arabisierung setzt erst unter 'Abdalmalik
(685 — 705) und alWalid(705—716) ein.2 In dieser Zeit schon beiden
Muslimen, und sei es auch nur bei einzelnen hochstehenden Männern,
Interesse an griechischer Wissenschaft oder gar praktische Betätigung auf
dem Gebiet der Alchemie anzunehmen, ist eine historische und psycho-
logische Unmöglichkeit. Auf alle Fälle entspräche eine Einstellung zu den
Büchern der Griechen, wie sie in der bekannten Legende von Omar er-
zählt wird3, auch um 700 noch dem allgemeinen Zeitbewußtsein besser
als jene andere von der Vorliebe des Omajjaden Chalid für griechische
Medizin und Alchemie. Es ist nicht schwer zu verstehen, daß die Ge-
schichte von Chalids romantischem oder praktischem Interesse an der
Alchemie in einem Zeitalter aufkam, das nach dem Vorbild der Tradi-
tionisten auch für die Wissenschaften Überlieferungsketten herzustellen
versuchte, so daß man den letzten griechischen Alchemisten, Stephanos
von Alexandrien, direkt oder durch Vermittlung des Marianos mit Chälid,
diesen mit Cra'far, und diesen wieder mit üäbir in Verbindung brachte.
Sie findet aber weder in den uns bekannten Verhältnissen am Omajjaden-
1 Für die Einzelheiten vgl. G. Weil, Geschichte der Chalifen, Bd. I, S. 105; William
Muir, Annals of the early Caliphate, S. 239 ff.; A. Müller, Der Islam, Bd. I, S. 262 ff.
2 Vgl. die vorhin genannten Werke und C. H. Becker, Islamstudien.
3 Ich meine die angebliche Zerstörung der Bibliothek von Alexandrien; die Le-
gende ist schon von G. Weil, a. a. O., S. 116 zurückgewiesen worden.



