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III. Überarbeitung und Vollendung
Augenfällig ist hier wie dort zunächst die Drei-
torigkeit, wobei das mittlere Tor die beiden seitli-
chen deutlich überragt; sodann entsprechen die
vorgelegten Freisäulen mit Gebälkstücken - deren
gelegentlich weites Auskragen in Faszierungen
und Architraven sich gut mit der Überbetonung
dieser Glieder in der Pirckheimer-Zeichnung ver-
trägt - dem klassischen Formenrepertoire. Damit
hat es aber auch schon sein Bewenden.
Macht man nun - wiederum im Vergleich mit
der Skizze von 1495 und ihrem Vorbild - die Ge-
genprobe, so zeigen sich bereits in den wenigen
Übereinstimmungen schon wieder Abweichun-
gen: Die Ehrenpforte doppelt sämtliche Freisäu-
len - die kolossalen und die zuseiten des Mittel-
portales sogar in die Tiefe - und gibt die Tore in
überstellten Proportionen und ohne Akzentu-
ierung des Kämpferbereiches wieder. Daß die Säu-
len selbst zu Trägern von Dekor und allegori-
schem Bildwerk werden, entspricht ebensowenig
antikem Brauch. Auch die sehr exakte Wiedergabe
Pirckheimers, wonach das Gesims in Scheitelhöhe
der Nebenportale die Kämpferhöhe des Mittelto-
res bestimmt, bleibt an der Ehrenpforte ohne Re-
sonanz, desgleichen die Stellung des äußeren
Freisäulenpaares vor den Außenkanten der Fas-
sade und nicht etwa als deren Eckbetonung. Wich-
tig ist ferner die Feststellung, daß beim römischen
Original und seiner Nachzeichnung die Wandvor-
lagen tektonisch funktionalisiert sind und über ei-
nem entsprechend vorgekröpften Gebälk das Feld
mit der Widmungsinschrift tragen, während die
Säulen der Ehrenpforte reines Dekor sind, das al-
lenfalls in einer Nebenfunktion die vier Greifen
trägt.
Man könnte nun zu der Vermutung kommen,
daß bei der Ehrenpforte im Elinblick auf ihre Ab-
weichungen vom Severusbogen und dem klassi-
schen Formenkanon, den er repräsentiert, eklek-
tisch verfahren worden sei, daß man also im
Rückgriff auf eine Vielzahl von bildlichen und li-
terarischen Quellen zu einer derart individuellen
Lösung gelangt sei. Doch deckt sich dies nicht
mit der tatsächlichen Quellenlage.
Anders als beim antiken Triumphzug, dessen
Form, Zweck und Ablauf verhältnismäßig gut be-
legt sind3, erfährt der Triumphbogen in der antiken
Literatur fast durchweg nur eine sehr sporadische
Erwähnung4. Ein gleiches gilt für die zeitgenössi-
schen Werke antiquarischer Thematik5, die im ma-
ximilianischen Umkreis bekannt gewesen sein
könnten: Einen arcus triumphales beschreibt we-
der Flavio Biondo in seiner »Roma triumphans«
oder der »Roma instaurata«, noch Roberto Valtu-
rio in »De re militari«, auch wenn dies erst in jüng-
ster Zeit wieder behauptet wurde6. Vielmehr sind
in dieser Hinsicht die antiken Schriftsteller - und
damit auch die darauf basierenden Werke des Spät-
mittelalters - außerordentlich unergiebig; eine
selbständige Beschreibung eines antiken Triumph-
bogens, der archäologisches Interesse verriete und
der vor allem dessen funktionale Bezüge mit Blick
auf den Triumphzug erläuterte, existiert schlicht-
weg nicht7.
mius Severus in the Roman Forum, Rom 1967, Tff. 97b, 98a.
Ungenau ist indes bei Pirckheimer das Übereinander von je
zwei kleineren Freisäulen statt der einen kolossaler Ord-
nung.
3 Vgl. oben in Teil II: Triumphelemente bei französischen
und spanischen Exequiem, Triumphbegriff und Rezeption
antiker Funeraliem und besonders >Der antike Triumphzug
und seine Rezeption«.
4 Vgl. Kähler 1939, passim.
5 Vgl. dazu in Teil II: >Der antike Triumphzug und seine Re-
zeption«, dort auch die Literaturangaben für die im folgen-
den angeführten Werke.
6 Zuletzt Lüken 1998, S. 458: »In Roberto Valturios kriegs-
wissenschaftlichem Traktat »De re militari« findet sich
ebenfalls eine längere Abhandlung über Triumphbögen mit
genauen Maß- und Porportionsangaben.« Dies entspricht
nicht den Tatsachen, was bei einem für die Antikenrezep-
tion gegen 1500 so wichtigen Sachverhalt stark ins Gewicht
fällt. Lüken hat anscheinend den Traktat Valturios selbst
nicht konsultiert, sondern führt als Referenz Strong 1991,
S. 85, an. Dieser spricht jedoch - korrekterweise - lediglich
von den dort beschriebenen Triumphzügen, ohne daß dabei
von »genauen Maß- und Porportionsangaben« in irgendei-
nem Zusammenhang die Rede wäre.
7 Freundlicher Hinweis von PD Dr. Arwed Arnulf, Berlin;
vgl. dazu demnächst: ders., Architektur- und Kunstbe-
schreibungen in der lateinischen Literatur des Mittelalters.
III. Überarbeitung und Vollendung
Augenfällig ist hier wie dort zunächst die Drei-
torigkeit, wobei das mittlere Tor die beiden seitli-
chen deutlich überragt; sodann entsprechen die
vorgelegten Freisäulen mit Gebälkstücken - deren
gelegentlich weites Auskragen in Faszierungen
und Architraven sich gut mit der Überbetonung
dieser Glieder in der Pirckheimer-Zeichnung ver-
trägt - dem klassischen Formenrepertoire. Damit
hat es aber auch schon sein Bewenden.
Macht man nun - wiederum im Vergleich mit
der Skizze von 1495 und ihrem Vorbild - die Ge-
genprobe, so zeigen sich bereits in den wenigen
Übereinstimmungen schon wieder Abweichun-
gen: Die Ehrenpforte doppelt sämtliche Freisäu-
len - die kolossalen und die zuseiten des Mittel-
portales sogar in die Tiefe - und gibt die Tore in
überstellten Proportionen und ohne Akzentu-
ierung des Kämpferbereiches wieder. Daß die Säu-
len selbst zu Trägern von Dekor und allegori-
schem Bildwerk werden, entspricht ebensowenig
antikem Brauch. Auch die sehr exakte Wiedergabe
Pirckheimers, wonach das Gesims in Scheitelhöhe
der Nebenportale die Kämpferhöhe des Mittelto-
res bestimmt, bleibt an der Ehrenpforte ohne Re-
sonanz, desgleichen die Stellung des äußeren
Freisäulenpaares vor den Außenkanten der Fas-
sade und nicht etwa als deren Eckbetonung. Wich-
tig ist ferner die Feststellung, daß beim römischen
Original und seiner Nachzeichnung die Wandvor-
lagen tektonisch funktionalisiert sind und über ei-
nem entsprechend vorgekröpften Gebälk das Feld
mit der Widmungsinschrift tragen, während die
Säulen der Ehrenpforte reines Dekor sind, das al-
lenfalls in einer Nebenfunktion die vier Greifen
trägt.
Man könnte nun zu der Vermutung kommen,
daß bei der Ehrenpforte im Elinblick auf ihre Ab-
weichungen vom Severusbogen und dem klassi-
schen Formenkanon, den er repräsentiert, eklek-
tisch verfahren worden sei, daß man also im
Rückgriff auf eine Vielzahl von bildlichen und li-
terarischen Quellen zu einer derart individuellen
Lösung gelangt sei. Doch deckt sich dies nicht
mit der tatsächlichen Quellenlage.
Anders als beim antiken Triumphzug, dessen
Form, Zweck und Ablauf verhältnismäßig gut be-
legt sind3, erfährt der Triumphbogen in der antiken
Literatur fast durchweg nur eine sehr sporadische
Erwähnung4. Ein gleiches gilt für die zeitgenössi-
schen Werke antiquarischer Thematik5, die im ma-
ximilianischen Umkreis bekannt gewesen sein
könnten: Einen arcus triumphales beschreibt we-
der Flavio Biondo in seiner »Roma triumphans«
oder der »Roma instaurata«, noch Roberto Valtu-
rio in »De re militari«, auch wenn dies erst in jüng-
ster Zeit wieder behauptet wurde6. Vielmehr sind
in dieser Hinsicht die antiken Schriftsteller - und
damit auch die darauf basierenden Werke des Spät-
mittelalters - außerordentlich unergiebig; eine
selbständige Beschreibung eines antiken Triumph-
bogens, der archäologisches Interesse verriete und
der vor allem dessen funktionale Bezüge mit Blick
auf den Triumphzug erläuterte, existiert schlicht-
weg nicht7.
mius Severus in the Roman Forum, Rom 1967, Tff. 97b, 98a.
Ungenau ist indes bei Pirckheimer das Übereinander von je
zwei kleineren Freisäulen statt der einen kolossaler Ord-
nung.
3 Vgl. oben in Teil II: Triumphelemente bei französischen
und spanischen Exequiem, Triumphbegriff und Rezeption
antiker Funeraliem und besonders >Der antike Triumphzug
und seine Rezeption«.
4 Vgl. Kähler 1939, passim.
5 Vgl. dazu in Teil II: >Der antike Triumphzug und seine Re-
zeption«, dort auch die Literaturangaben für die im folgen-
den angeführten Werke.
6 Zuletzt Lüken 1998, S. 458: »In Roberto Valturios kriegs-
wissenschaftlichem Traktat »De re militari« findet sich
ebenfalls eine längere Abhandlung über Triumphbögen mit
genauen Maß- und Porportionsangaben.« Dies entspricht
nicht den Tatsachen, was bei einem für die Antikenrezep-
tion gegen 1500 so wichtigen Sachverhalt stark ins Gewicht
fällt. Lüken hat anscheinend den Traktat Valturios selbst
nicht konsultiert, sondern führt als Referenz Strong 1991,
S. 85, an. Dieser spricht jedoch - korrekterweise - lediglich
von den dort beschriebenen Triumphzügen, ohne daß dabei
von »genauen Maß- und Porportionsangaben« in irgendei-
nem Zusammenhang die Rede wäre.
7 Freundlicher Hinweis von PD Dr. Arwed Arnulf, Berlin;
vgl. dazu demnächst: ders., Architektur- und Kunstbe-
schreibungen in der lateinischen Literatur des Mittelalters.


