IV. Der Riesenholzschnitt und sein Inhalt
118
brauch6, vollzog sich schon bald ein Bedeutungs-
wandel, dessen Ergebnis auch für das Verständnis
der genealogischen Forschungen Maximilians
grundlegend ist: Die Genealogie des eigenen Hau-
ses diente bei Eheschließungen dem Nachweis der
Ebenbürtigkeit und konnte damit eine wichtige
Grundlage dynastischer Heirats- und Territorial-
politik werden, die nachmals auch Erbansprüche
zu begründen half. Eng im Zusammenhang damit
standen als weitere Ziele »... die Qualität des zum
Herrschen berufenen Blutes zu signalisieren«7,
sowie durch genealogische Konstruktionen eine
Kontinuität herzustellen, die die unruhevollen
Wechsel und Brüche im Bereich der Territorial-
herrschaft dem spätmittelalterhchen Bedürfnis
nach einfachen und linearen historischen Abläu-
fen8 anglichen. Dabei griff man bei der Darstel-
lung genealogischer Sachverhalte schon früh auch
auf graphische Bildmittel zurück9.
Obwohl kaum eines der bedeutenden Ge-
schlechter des Spätmittelalters schon vor dem 12.
Jahrhundert einen angestammten Sitz aufweisen
konnte, bewirkte die »... Erfordernis, eine genea-
logisch fundierte Kontinuität seit unvordenkli-
chen Zeiten nachzuweisen«10, daß bei nahezu al-
len großen europäischen Dynastien spätestens seit
dem 15. Jahrhundert gleichermaßen durchkon-
struierte wie glanzvolle Stammbäume vorlagen.
Dies gilt jedoch für Burgund, Böhmen, England11
und Frankreich12 in weitaus höherem Maße als für
die Habsburger, wie sich zeigen wird. Dabei
herrscht - allen Unterschieden in Zielsetzung und
Ausprägung zum Trotz - vor allem in einem
Punkt eine Art stillschweigender Übereinkunft:
nämlich in der allen gemeinsamen Zurückführung
der Ahnen auf Troja, wie sie auch dem Stamm-
baum der Ehrenpforte zugrundeliegt13.
Die trojanische Abstammungstheorie14 scheint
so alt zu sein wie der Beginn genealogischen
Schrifttums überhaupt.15 Hinweise darauf finden
sich bereits bei Gregor von Tours, wonach die
Franken Nachkömmlinge einer von Hektor aus
dem zerstörten Troja nach Pannonien geführten
Flüchtlingsgruppe sein sollen16. Eine Fassung der
um 660 entstandenen Historia Francorum des
Pseudo-Fredegar erreicht dann ab dem 12./13.
Jahrhundert weiteste Verbreitung17. Eine ihrer
bemerkenswertesten Ausprägungen erfuhr die
6 Vgl. LMA 4 (1989), Art. »Genealogie« (E. Preise), Sp.
1216-1221.
7 Melville, Gert, Troja, in: Seibt, Ferdinand (Hg.), Europa
1500, Stuttgart 1987, S. 427.
8 Lhotsky, Alphons, Dr. Jacob Mennel. Ein Vorarlberger im
Kreise Maximilians I., in: ders., Aufsätze und Vorträge
Bd. 2, Wien 1971, S. 309.
9 Vgl. dazu grundlegend: Melville, Gert, Geschichte in gra-
phischer Gestalt. Beobachtungen zu einer spätmittelalterli-
chen Darstellungsweise, in: Patze, Hans (Hg.), Geschichts-
schreibung und Geschichtsbewußtsein im Spätmittelalter,
o. O. 1986, S. 57—154. Beispielhaft hierfür das Compendium
historiae in genealogia Christi (um 1167) des Petrus von Poi-
tiers zu nennen; vgl. Melville, Gert, Vorfahren und Vorgän-
ger, in: Schuler, Peter-Johannes (Hg.), Die Familie als sozia-
ler und historischer Verband, Sigmaringen 1987, S. 231.
10 Melville, Vorfahren 1987, S. 222, 224.
11 Die 1508 in einem Pariser Druck erschienene, jedoch bereits
dem Hochmittelalter entstammende Historia regum Bri-
tanniae führt die englischen Könige bis auf Brutus, den Ur-
enkel des Aeneas zurück. Vgl. Kindlers Literaturlexikon
Bd. 4 (1982), Art. »Historia regum Britanniae« (G. Hüb-
ner), S. 4530 f.
12 Melville, Vorfahren 1987, S. 246ff., macht den formal exem-
plarischen Charakter einer brabantischen Genealogia prin-
cipum Tungro-Brabantinorum aus dem Burgund des späten
15. Jahrhunderts (s. u.) u.a. für eine englische Genealogie
geltend, die von dem sagenhaften Brutus bis zu König
Eduard IV. (1461-1483) reicht.Verwandt z.B. auch eine in
mehreren Exemplaren erhaltene, kurz nach 1422 entstan-
dene Weltchronik mit der Genealogie der Könige von
Frankreich (Melville, Troja 1987, S. 422 ff.).
13 Das Haus Wittelsbach entwickelt dagegen im 12. Jahrhun-
dert eine Abstammung der Bayern aus Armenien, die es -
prinzipiell nicht unähnlich dem Wanderschicksal der über-
lebenden Trojaner - an die Ufer der Donau verschlug.
Besonderes Gewicht wurde Karl dem Großen im weiteren
Verlauf des Stammbaumes beigemessen. Vgl. dazu Moeglin,
Jean-Marie, Dynastisches Bewußtsein und Geschichts-
schreibung, in: HZ 256/1993, S. 597 f.
14 Eine kurze Beschreibung s. im folgenden Abschnitt.
15 Die bedeutendsten literarischen Verarbeitungen des Sagen-
stoffes im Mittelalter sind der Roman de Troie des Benoit
de St.-More (zwischen 1155 und 1160) und Guido da Co-
lumnas darauf basierende Historia destructionis Troiae
(1286), die im Spätmittelalter äußerst verbreitet war.
16 Lhotsky, Apis 1971, S. 48 h
17 Melville, Troja 1987, S. 418.
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brauch6, vollzog sich schon bald ein Bedeutungs-
wandel, dessen Ergebnis auch für das Verständnis
der genealogischen Forschungen Maximilians
grundlegend ist: Die Genealogie des eigenen Hau-
ses diente bei Eheschließungen dem Nachweis der
Ebenbürtigkeit und konnte damit eine wichtige
Grundlage dynastischer Heirats- und Territorial-
politik werden, die nachmals auch Erbansprüche
zu begründen half. Eng im Zusammenhang damit
standen als weitere Ziele »... die Qualität des zum
Herrschen berufenen Blutes zu signalisieren«7,
sowie durch genealogische Konstruktionen eine
Kontinuität herzustellen, die die unruhevollen
Wechsel und Brüche im Bereich der Territorial-
herrschaft dem spätmittelalterhchen Bedürfnis
nach einfachen und linearen historischen Abläu-
fen8 anglichen. Dabei griff man bei der Darstel-
lung genealogischer Sachverhalte schon früh auch
auf graphische Bildmittel zurück9.
Obwohl kaum eines der bedeutenden Ge-
schlechter des Spätmittelalters schon vor dem 12.
Jahrhundert einen angestammten Sitz aufweisen
konnte, bewirkte die »... Erfordernis, eine genea-
logisch fundierte Kontinuität seit unvordenkli-
chen Zeiten nachzuweisen«10, daß bei nahezu al-
len großen europäischen Dynastien spätestens seit
dem 15. Jahrhundert gleichermaßen durchkon-
struierte wie glanzvolle Stammbäume vorlagen.
Dies gilt jedoch für Burgund, Böhmen, England11
und Frankreich12 in weitaus höherem Maße als für
die Habsburger, wie sich zeigen wird. Dabei
herrscht - allen Unterschieden in Zielsetzung und
Ausprägung zum Trotz - vor allem in einem
Punkt eine Art stillschweigender Übereinkunft:
nämlich in der allen gemeinsamen Zurückführung
der Ahnen auf Troja, wie sie auch dem Stamm-
baum der Ehrenpforte zugrundeliegt13.
Die trojanische Abstammungstheorie14 scheint
so alt zu sein wie der Beginn genealogischen
Schrifttums überhaupt.15 Hinweise darauf finden
sich bereits bei Gregor von Tours, wonach die
Franken Nachkömmlinge einer von Hektor aus
dem zerstörten Troja nach Pannonien geführten
Flüchtlingsgruppe sein sollen16. Eine Fassung der
um 660 entstandenen Historia Francorum des
Pseudo-Fredegar erreicht dann ab dem 12./13.
Jahrhundert weiteste Verbreitung17. Eine ihrer
bemerkenswertesten Ausprägungen erfuhr die
6 Vgl. LMA 4 (1989), Art. »Genealogie« (E. Preise), Sp.
1216-1221.
7 Melville, Gert, Troja, in: Seibt, Ferdinand (Hg.), Europa
1500, Stuttgart 1987, S. 427.
8 Lhotsky, Alphons, Dr. Jacob Mennel. Ein Vorarlberger im
Kreise Maximilians I., in: ders., Aufsätze und Vorträge
Bd. 2, Wien 1971, S. 309.
9 Vgl. dazu grundlegend: Melville, Gert, Geschichte in gra-
phischer Gestalt. Beobachtungen zu einer spätmittelalterli-
chen Darstellungsweise, in: Patze, Hans (Hg.), Geschichts-
schreibung und Geschichtsbewußtsein im Spätmittelalter,
o. O. 1986, S. 57—154. Beispielhaft hierfür das Compendium
historiae in genealogia Christi (um 1167) des Petrus von Poi-
tiers zu nennen; vgl. Melville, Gert, Vorfahren und Vorgän-
ger, in: Schuler, Peter-Johannes (Hg.), Die Familie als sozia-
ler und historischer Verband, Sigmaringen 1987, S. 231.
10 Melville, Vorfahren 1987, S. 222, 224.
11 Die 1508 in einem Pariser Druck erschienene, jedoch bereits
dem Hochmittelalter entstammende Historia regum Bri-
tanniae führt die englischen Könige bis auf Brutus, den Ur-
enkel des Aeneas zurück. Vgl. Kindlers Literaturlexikon
Bd. 4 (1982), Art. »Historia regum Britanniae« (G. Hüb-
ner), S. 4530 f.
12 Melville, Vorfahren 1987, S. 246ff., macht den formal exem-
plarischen Charakter einer brabantischen Genealogia prin-
cipum Tungro-Brabantinorum aus dem Burgund des späten
15. Jahrhunderts (s. u.) u.a. für eine englische Genealogie
geltend, die von dem sagenhaften Brutus bis zu König
Eduard IV. (1461-1483) reicht.Verwandt z.B. auch eine in
mehreren Exemplaren erhaltene, kurz nach 1422 entstan-
dene Weltchronik mit der Genealogie der Könige von
Frankreich (Melville, Troja 1987, S. 422 ff.).
13 Das Haus Wittelsbach entwickelt dagegen im 12. Jahrhun-
dert eine Abstammung der Bayern aus Armenien, die es -
prinzipiell nicht unähnlich dem Wanderschicksal der über-
lebenden Trojaner - an die Ufer der Donau verschlug.
Besonderes Gewicht wurde Karl dem Großen im weiteren
Verlauf des Stammbaumes beigemessen. Vgl. dazu Moeglin,
Jean-Marie, Dynastisches Bewußtsein und Geschichts-
schreibung, in: HZ 256/1993, S. 597 f.
14 Eine kurze Beschreibung s. im folgenden Abschnitt.
15 Die bedeutendsten literarischen Verarbeitungen des Sagen-
stoffes im Mittelalter sind der Roman de Troie des Benoit
de St.-More (zwischen 1155 und 1160) und Guido da Co-
lumnas darauf basierende Historia destructionis Troiae
(1286), die im Spätmittelalter äußerst verbreitet war.
16 Lhotsky, Apis 1971, S. 48 h
17 Melville, Troja 1987, S. 418.


