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Schauerte, Thomas; Dürer, Albrecht; Altdorfer, Albrecht; Dürer, Albrecht [Contr.]; Altdorfer, Albrecht [Contr.]; Maximilian [Honoree]
Die Ehrenpforte für Kaiser Maximilian I.: Dürer und Altdorfer im Dienst des Herrschers — München, Berlin: Deutscher Kunstverlag, 2001

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https://doi.org/10.11588/diglit.62901#0218

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214

VI. Katalog

(Abb. 12) ist ebenso wie am ausgeführten Holzschnitt
abzulesen, daß die »Frau Ehre« nachträglich in die be-
reits bestehende Komposition des Gehänges eingefügt
wurde (vgl. Abb. n)46.
Als blühende junge Frau wiedergegeben47, ihr hoher
Rang durch Kronreif mit Dreipässen verdeutlicht. Nach
venezianischer Mode hoch tailliertes Kleid mit geradem
Halsausschnitt; darüber locker ein Mantel geworfen,
der sich in den Armbeugen und unterhalb der Krone
stark bauscht. Hält in beiden Händen ohne sichtbare
Anstrengung die übermaßstäblich große kaiserliche In-
felkrone48. Von aufwendigem dekorativen Apparat hin-
terfangen: im wesentlichen zwei gebuckelte Cuppa-

ähnhche Gefäßteile, die der Formensprache zeitgenössi-
scher Goldschmiedekunst entlehnt sein dürften. Von
Akanthusranken und Füllhörnern begleitet in zwei ge-
buckelten Knäufen endend. Oberer Rand durch Perl-
stäbe akzentuiert. Beide Cuppae offenbar mit Deckel
versehen; phantasiereiche Bekrönung: Löwen- oder
Greifenpranke umklammert zugleich mit dem Gefäß-
rand delphinartigen Fisch und geht nach oben zu in eine
Akanthusranke über, die einem großen geschliffenen
Stein als Fassung dient. Unterer Abschluß des Gebildes
als Gehänge aus einem Edelstein und vier Perlen in
Kreuzform; unten vermutlich drei birnenförmige
Perlen49.

gmut / zuhaben geübt gewest ist / Vnnd irem höchstuer-
wandten zu solhen Eerlichen vnd durstign sacken geholffen
und gefordert / dardurch Er / Rum Sig / und Er erlange /
die Er dann bis an sein end getriben / vnd gebraucht hat.
Auf dem begleitenden Holzschnitt assistiert der Königin
zudem Theuerdanks ständiger Begleiter mit dem gleichfalls
sprechenden Namen Ernhold, der nach der Clavis [...] be-
deut das geruckt / un gezeügnus / & warhait so einem yeden
menschen / bis in sein gruben nachuolgt Sy sein gut / oder
pöß / darumb wirdet er bemelten Jungen Fürsten Tewr-
dancksfor / vnd für zugestellt / sein leben wesen vnnd geta-
ten zu offenwaren vn zubezeügen mit der warhait. Zwei
Herolde finden sich auch im Dekor der Ehrenpforte [A 5],
ein weiterer in der Turmszene mit Maximilian bei genealo-
gischen Studien [F’4], und einmal ist sogar der Kaiser selbst
als Schirmherr der Artillerie mit dem Attribut des Herolds,
dem Zeigestab dargestellt [F 4].
Name und Auftauchen der »Frau Ehre« ist für Burgund
ebenso wie für den deutschen Sprachraum im Spätmittel-
alter literarisch verbürgt (vgl. Wirth, Karl August, Art.
»Ehre« in RDK 4, Stuttgart 1958, Sp. 844-859; ferner Henze,
Helene, Die Allegorie bei Hans Sachs mit besonderer
Berücksichtigung ihrer Beziehungen zur graphischen
Kunst, Halle 1912). Bei Hans Sachs taucht die »Frau Ehre«
dann als fester Begriff allenthalben auf, und auch im »Em-
blematum libellus« des Alciat erscheint Flonos 1531 als Frau,
[...] Angethon mit eim Purpurkleid (vgl. Henkel-Schöne,
Emblemata 1967, Sp. 1559 £.).
Zu attributiven Kennzeichnung ist bei Wirth (ebd., Sp. 854)
ferner zu lesen, daß die Flüchtigkeit der Ehre durch Flügel
sowie durch ein kostbares Gewand gekennzeichnet werden
kann. Da die Ehre zudem eine königliche Tugend genannt
wird, trägt sie mitunter eine Krone (ebd. Sp. 857). Ob die
Flügel zugleich als Hinweis auf eine Verschmelzung der
»Frau Ehre« mit der stets geflügelten fama zu werten ist, ist
mit letzter Gewißheit nicht zu sagen, aber wohl auch nicht
auszuschließen.
Schließlich ist auch noch auf eine Miniatur aus der Cou-
ronne margaritique des Jean Lemaire hinzuweisen. Sie zeigt
die Tugendkrone für Margarethe von Österreich, die von
Vertu, dem Goldschmied des Königs Honneur gefertigt
wurde. Die Handschrift war ein Geschenk Margarethes an

ihren Bruder Philipp, die im Beisein Maximilians am 6. Juni
1505 auf Schloß Kleve überreicht wurde (vgl. Irblich, Eva
[Hg.], Thesaurus Austriacus, Kat.Ausst. Wien 1996, Nr. 137,
S. 172,174; Abb. in: Hispania-Austria 1992, Nr. 189).
Eine weitere Möglichkeit der Deutung kann hier nicht un-
terschlagen werden, da sie der obgenannten nicht unbe-
dingt widerspricht: Im oberen Abschluß des Stammbaumes
[A 3] erscheinen die Victorien und umgeben das Haupt des
thronenden Kaisers. Der Clavis nach müßten es 23 sein, tat-
sächlich sind aber nur 22 zu zählen. Diese Abweichung
überrascht, da ihre Zahl ja im Rückgriff auf die antike My-
thologie eigens genannt wird. Dem Typus und der Gewan-
dung nach käme somit die »Frau Ehre« als dreiundzwan-
zigste Victorie in Frage.
Für Hinweise sei Herrn Prof. Dr. Gosbert Schüßler, Passau,
gedankt.
45 Vor dem zusammengesetzten Original der Ehrenpforte fällt
auf, daß sich die Figur für einen damaligen Menschen von
normaler Körpergröße (wohl etwa 1,60-1,70m) ziemlich
genau in Augenhöhe befindet und daß zudem in der Figur
der Kronenträgerin zahlreiche Fluchtlinien ihr Ziel finden.
46 Vgl. dazu ausführlich in Teil II: >Das Mittelportak
47 Gesichtstyp und Kopfhaltung sind in Dürers zahlreichen
Darstellungen der Gottesmutter Maria mit dem Jesuskind
vorgeprägt. Am nächsten kommt wohl die vor 1515 entstan-
dene Leningrader Zeichnung [W 551], die - seitenverkehrt -
in vielem der Kronenträgerin entspricht.
48 Zur Infelkrone vgl. Angaben unter A 5.
49 Beachtung verdient schließlich der genaue Ansatz des
Gehänges, denn obwohl man ihn unweigerlich dem Dekor
zurechnen möchte, scheint er doch zugleich den Mantel der
»Frau Ehre« zu raffen. So ist schließlich nicht mit letztgül-
tiger Sicherheit zu sagen, ob diese selbständig von ihren
Flügeln getragen wird, oder ob sie als Skulptur Bestandteil
des sie hinterfangenden und tragenden Dekors ist.
Das Phänomen changierender Realitätsgrade tritt hier an
besonders prominenter Stelle zutage, ist aber letztlich für
die gesamte figurale Ausschmückung der Ehrenpforte zu
reklamieren.
Für das Schmuckstück wurde offensichtlich auf ein sehr
ähnliches Gebilde des Schwertscheidenentwurfes (W 704)
zurückgegriffen.
 
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