Schinkel, Karl Friedrich
Sammlung architektonischer Entwürfe: enthaltend theils Werke welche ausgeführt sind theils Gegenstände deren Ausführung beabsichtigt wurde (Text) — Berlin, 1858

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räumigen Gartenplatz mit der bislicr beschriebenen Anlage begrenzt, in dessen
Mitte ein Bassin mit einem hoch springenden Wasserstrahl zur Anmuth des Ortes
beiträgt. Die vierte Seite dieses Gartens bildet eine offene Bogenhalle, welche im
Winter, mit Fenstern versetzt und geheizt, für die Aufbewahrung der Pflanzen, be-
sonders der Orangenbäume, benutzt wird. Neben dem obengedachten Thurme
führt ein offener Bogen in diesen inneren Gartenplatz; vor diesem Bogen,
zur Seite der Gärtnerwohnung, befindet man sich unter einem weitgestrecklen
Laubendache, welches von kleinen Säulchen, von einer Bacchusherme und von
den angrenzenden Pilastcrn der Weinlauben am Hause getragen wird. Grofse
Treppen führen unter dieser weiten Laube in die Höhe zur Terrasse über dem
Bogen und der Bogenhalle, wo man angenehme Ucbersichten der Anlage geniefst.
Ferner ist in einem der Winkel unter der weiten Laube ein Stibadium nach an-
tiker Art angeordnet, zu welchem einige kleine Stufen führen, und wo man sich
an einer von Bänken umgebenen grofsen Tischplatte befindet, die auf einem co-
rinthischen Capital ruht und in ihrer Mitte eine Vertiefung hat, aus der ein glocken-
artig sanft sprudelndes Wasser emporquillt. Die Wände um diesen Tisch sind
mit Basreliefs, mit Epheugerank und darüber aufgestellten mannigfachen antiken
Bildwerken geschmückt, auch erheben sich darüber die Säulchen, welche die Laube
von dieser Seite unterstützen; an den hinaufführenden kleinen Stufen nimmt ein
antiker Sarkophag das Wasser auf, welches aus dem Maule eines Fisches, der sich
auf einem Consol an dem Stamm der Bacchusherme streckt, hervorströmt und die
anmuthige Frische des Platzes erhöht. Hinter der mit Säulen gekrönten Wand
liegt noch ein besonderes kleines Gebäude von einigen Zimmern und ein mit dem
üppigsten Rankgewächs laubenartig bedeckter Hof für den Viehstand der kleinen
Meierei.

Auf dem Hofe hinter der Bogenhalle war das kleine Atrium projeetirt mit
dem Zugang von der Bogenhalle aus, in dessen Hintergrunde sich die Statue der
Venus von Capua in einer Nische zeigt. Auf Blatt 171. ist oben rechts die Ansicht
dieses Atriums gegeben. Die ganze freundliche Anlage dieser kleinen Villa gestattet,
nach dem Gefühl, Vergröfserungen und neue Zusätze im selben Geiste der ver-
schiedenen Baulichkeiten, und so wurde dieses Atrium später etwas ausgedehnter
entworfen und mit noch anderen Erweiterungen im Grundbau ausgeführt. Mit
einer kleinen Brücke von der Terrasse über der Bogenhalle ist auf jener Seite
des durch das grüne Bcrceau fliefsenden Kanals eine Wohnung verbunden; sie ist,
in leichtem Holzbau construirt, für den Maschinenmeister der Dampfmaschine,

welche die Springbrunnen treibt, entworfen worden. Diese Anlage zeigt sich in
ihrer Ansicht auf Blatt 172. Eine andere Hauptanlage schliefst sich aber auf der
anderen Seite der Gärtnerwohnung an den Giebel des kleinen Salons bei EE an.
Dies ist ein Plätzchen nahe am See, welches mit Blumen verziert ist. Eine halb-
runde Ruhebank ist nach dem Wasser hin heraustretend angefügt, und die Mitte
dieses Gartenplätzchens bildet ein Bassin mit dem bronzenen Bildwerk eines auf
einem Delphin reitenden Knaben; des Delphins Nüstern und Piachen spritzen das
Wasser in das Bassin. Zu jeder Seite des Plätzchens stehen zierliche dorische
Tabernakel, wie sie Blatt 171. oben links angiebt, unter denen die bronzenen Büsten
I. I. M. M. des hochseeligen Königs \ind der hochseeligen Königin auf Marmor-
postamenten aufgestellt sind. In der Ansicht auf Blatt 109. an der rechten Seite
und auf Blatt 172. zur linken Seite zeigt sich diese Anlage.

Um diese kleine Villa ist ein italienischer Bauerngarten mit reichbestellten
Fruchtbeeten gezogen, wo Artischocken, Cardi und andere grofse Pflanzen unter
den an den Bäumen emporgerankten Weinreben üppig spriefsen. So bildet diese
Anlage ein malerisch-gruppirtes Ganzes, welches mannigfaltige angenehme Ansichten,
heimliche Ruheplätzchen, behagliche Zimmer und offene Räume für den Genufs
des Landlebens darbietet, und seiner Natur nach immer fortgesetzter Ausdehnung
und Bereicherung fähig ist, so dafs daran ein unausgesetztes Vergnügen der Pro-
duetion vorbehalten bleibt.

Entwurf zu einer Wohnung in antikem Styl.

Die Beschränktheit des Raumes in dem Wohngebäude von Charlottenhof,
welches, wie schon früher (zu Blatt 109. bis 112.) erwähnt, durch mancherlei
Aenderungen aus einem alten Gebäude erwuchs,'theils auch die Absicht, einen Ge-
danken zu einer gemächlichen Wohnung in antikem Styl auszuführen, an welchen
sich eine liebliche Idee aus den Briefen des jüngeren Plinius anschlofs, die eines
reich ausstaffirten Hippodroms, veranlafste den auf Blatt 173. und 174. dargestellten
Entwurf.

Das Ganze der Idee dieses Landhauses besteht aus zwei kühlen gewölbten
Cabinets, von oben beleuchtet, in welche man aus einem Impluvium gelangt. An
dieses Impluvium reihen sich mehrere Cabinets, vorzüglich aber im Fond ein Tiaum
in Form eines alten Tablirium's mit seinen Fauces zur Seite, welches in einen klei-
nen Hof führt, der von einem Wasserbecken mit springendem oder giefsendem

Wasser geschmückt ist. Lange Gallerieen, zur Seite mit Statuen geziert und mit
schönen Ruhebetten versehen, schliefsen hier das Gebäude ab; hinter letzteren liegt
an jeder Seite ein zierlicher Garten längs der verzierten Mauer der langen Galle-
rieen, und ein Gartensalon beherrscht diesen Garten von einer Seite vollständig; an
der gegenüber befindlichen Seite sieht man durch eine von Laub beschattete Oeff-
nung in die Säulengänge, welche ein grosses Viridarium umgeben. Hinter dem-
selben folgt ein Pflanzenhaus, in dem man von einer erhöhten Tribüne auf die
Gewächse hinunter blickt. Ein Paar Vestibüle mit peristylartigen Eingängen füh-
ren zum Pflanzenhause. Eine gleiche Anordnung ist auf der anderen Seite des
Viridariums; Hermen bilden hier die Stützen der Peristyle, der kleine Ehrenbogen
zu Ende der Seitengärtchen ist mit Wasserbecken und sitzenden Figuren geziert,
wie die Ansicht auf Blatt 173. angiebt. Die beiden seitwärts auf diesem Blatte be-
findlichen Ansichten sind aus den Salons genommen, welche zu jeder Seite von
den gewölbten Cabinets in den Garten hinausspringen und die Wohnzimmer der
kleinen dort zur Seite gelegenen Appartements bilden. Der Grundrifs und der
Aufrifs machen die ganze Anlage deutlich. Aus der Breite des Viridariums tritt an
einer Seite ein grofses Bassin hervor, mit einer Nische, worauf Statuen stehen; aus
dem hintern Umgang führt hier ein Weg in den Wald, der mit einer trügerischen
Abweichung zurück, rechts dennoch auf den nächsten Weg in den Hippodrom
führt. Wenn man dagegen den Weg links verfolgt, so führt derselbe durch
schlänglige Abweichungen erst spät zum Ziele, auch hat man noch die Verführung,
an einer Stelle wieder zurück zum Landhause zu gelangen. Im Hippodrom endlich
angelangt, sieht man sich von hohen Baumkronen umgeben, die in regelmäfsigen
Pteihen denselben bilden, und je weiter nach Innen immer niedriger werden. Im
Innern lassen sie ein Feld, welches an der einen Seite mit einem Stibadium, wie
es Plinius nennt, verziert ist. Hier liegen unter einer Weinlaube um ein tischartig
erhobenes Wasserbassin mehrere Ruhebetten, welche dienen, ein Mahl einzuneh-
men; auf der anderen Seite des Hippodroms befindet sich als Pendant des Stiba-
diums ein Salon mit kleinem Peristyl, in dessen hinterer Nische man auf Ruhe-
betten die Laubansicht durch die Fenster geniefst, während der Gesang der Vögel
und das Plätschern der Fontainen, in dem Gebäude und um dasselbe herum, zum
Schlummer einladet. Der Mittelplatz des Hippodroms, der von Candelabern gut
beleuchtet wird, ist für einen gesellschaftlichen Tanz bestimmt, der die Scene be-
lebt. Der Durchschnitt, zugleich Ansicht dieser Anordnung, auf Blatt 174., zeigt
diese Anlage deutlich.

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Gedruckt bei A. W. Schade iD Berlin, Grünstrafse 18,

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