Schliemann, Heinrich ; Schliemann, Sophia [Editor]
Heinrich Schliemann's Selbstbiographie — Leipzig, 1892

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18 I. Kindheit und kaufmännische Laufbahn: 1822—1866.

schien mir ebenso unmöglich, dass Minna an der Seite eines andern
Mannes glücklich werden, wie dass ich jemals eine andere Gattin
heimführen würde. Warum musste das grausame Schicksal sie
mir gerade jetzt entreissen, wo ich, nachdem ich sechzehn Jahre
lang nach ihrem Besitze gestrebt, endlich geglaubt hatte, sie er-
rungen zu haben? Es war uns beiden in Wahrheit so ergangen,
wie es uns so oft im Traume zu ergehen pflegt: wir wähnen je-
mand rastlos zu verfolgen, und sobald wir glauben, ihn erreicht
zu haben, entschlüpft er uns immer von neuem. Wol dachte ich
damals, dass ich den Schmerz über Minna's Verlust nie würde
verwinden können; aber die Zeit, die alle Wunden heilt, übte
endlich ihren wohlthätigen Einfluss auch auf mein Gemüth, und
wenn ich auch jahrelang noch um die Verlorene trauerte, konnte
ich doch allmählich meiner kaufmännischen Thätigkeit wieder
ohne Unterbrechung obliegen.

Schon im ersten Jahre meines Aufenthalts in Petersburg
war ich bei meinen Geschäften so vom Glück begünstigt gewesen,
dass ich bereits zu Anfang des Jahres 1847 in die Gilde als
Grosshändler mich einschreiben liess. Neben dieser meiner neuen
Thätigkeit blieb ich in unveränderter Beziehung zu den Herren
B. H. Schröder & Co. in Amsterdam, deren Agentur ich fast elf
Jahre lang behielt. Da ich in Amsterdam eine gründliche Kennt-
niss von Indigo erlangt hatte, beschränkte ich meinen Handel
fast ausschliesslich auf diesen Artikel.

Da ich lange nichts von meinem Bruder Ludwig Schliemann
gehört hatte, der im Beginn des Jahres 1849 nach Californien
ausgewandert war, so begab ich mich im Frühjahr 1850 dorthin
und erfuhr, dass er verstorben war. Ich befand mich noch in
Californien, als dasselbe am 4. Juli 1850 zum Staate erhoben
wurde, und da alle an jenem Tage im Lande Verweilenden ipso
facto naturalisirte Amerikaner wurden, so wurde auch ich Bürger
der Vereinigten Staaten. Gegen Ende des Jahres 1852 etablirte
ich in Moskau eine Filiale für den Engrosverkauf von Indigo zu-
erst unter der Leitung meines vortrefflichen Agenten, Alexei Mat-
wejew, nach dessen Tode aber unter der seines Dieners Jutschenko,
den ich zum Range eines Kaufmanns der zweiten Gilde erhob;
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