Schlosser, Julius von
Die Kunst- und Wunderkammern der Spätrenaissance: ein Beitrag zur Geschichte des Sammelwesens — Leipzig, 1908

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II. Die Kunst- und Wunderkammern.

Neben die geistlichen Schatzkammern der Kirchen, die soeben in einem
flüchtigen Überblick geschildert wurden, stellen sich seit dem hohen Mittel-
alter, in immer erkennbareren Zügen, die weltlichen Schatzkammern der Fürsten;
sie sind im Grunde nicht wesentlich anders geartet als jene. Natürlicherweise
tritt das Profane, ihrer Bestimmung nach, in ihnen selbständiger und klarer
hervor; aber gleichwohl nimmt sakrales, liturgisches Gerät, zu der nie fehlenden
Hauskapelle gehörig, nehmen Religuien aller Art einen breiten Raum ein.
So ist zwischen ihnen und jenen Kirchen schätzen fast mehr ein guantitativer
Unterschied in der Richtung des Profanen — denn ein gualitativer vor-
handen; ist doch die Kirche zunächst noch immer die eigentliche geistige,
richtung- und stimmunggebende Gewalt. Wohl aber unterscheiden sie sich
von jenen auf das Schärfste dadurch, daß sie, wie sich von selbst versteht,
rein privat, nur höchst wenigen Begünstigten zugänglich waren; es ist schon
darauf hingedeutet worden, wie die großen fürstlichen Kunstkammern, zumal
des Nordens, die aus ihnen hervorgegangen sind, diesen exklusiven und pri-
vaten Charakter bis zum Schlüsse des XVIII. Jahrhunderts bewahrt haben. Es
hat ein ganz neues Zeitalter mit völlig veränderten sozialen und politischen
Anschauungen kommen müssen, um in diese vornehm abgeschlossene aristo-
kratische Welt Bresdie zu legen, utri den abstrakten Staat und das souveräne
Volk an Stelle der persönlichen Herrschergewalt zu setzen, um das, was für
den persönlichen Genuß des Einen bestimmt war, zum Gemeingut aller zu
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