Schlosser, Julius von
Die Schatzkammer des Allerhöchsten Kaiserhauses in Wien: dargestellt in ihren vornehmsten Denkmälern ; mit 64 Tafeln und 44 Textabbildungen — Wien, 1918

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Kunigunde mit anderem Gerät und Geschmeide. Es ist mehr als
wahrscheinlich, daß hier schon die wertvollen Erwerbungen des staufi?
sehen Hauses, die die Normannin Konstanze als Morgengabe Hein*
rieh VI. zugebracht hatte, namentlich die kostbaren Gewänder, die in
den Werkstätten von Palermo für die Normannenkönige Siziliens her?
gestellt worden waren, inbegriffen sind. Dieser Bestand ist auch durch
die unruhigen Zeiten des Interregnums, wie es scheint, nicht wesent?
lieh angetastet worden; es ist sogar manches hinzugekommen.

Eine neue Periode bricht mit den Luxemburgern an. Aus ihr datiert
die zweite, für die Geschichte des Schatzes höchst wichtige Urkunde,
in der Karl IV. die Kleinodien aus der Hand Ludwigs von Branden*
bürg, des Sohnes Kaiser Ludwigs des Bayern, am 12. März 1350 in
München übernimmt. Der alte Bestand der Hohenstaufenzeit er?
scheint aufs neue, diesmal deutlicher zu erkennen durch genauere
Beschreibung. Nur ist manches verändert, die heilige Lanze mit dem
Nagel Christi ist schon dem Reichskreuz einverleibt und heißt nicht
mehr Mauritiusspeer, sondern gilt als Passionslanze; dagegen erscheint
das eine der Reichsschwerter nach dem alten (eben erwähnten) Reichs?
patron genannt, das andere bereits auf Karl d. Gr. bezogen. Ebenso
ist die Erinnerung an die alten sizilischen Königsgewänder vergessen
oder verwischt; sie werden (Mantel, Alba, Handschuhe) ebenso wie
Krone und Reichsapfel auf Karl d. Gr. bezogen. Das Armbein der
heiligen Kunigunde hat sich anscheinend in das der heiligen Anna
verwandelt, als das es noch heute gilt. Dazu gekommen ist manches
Neue, heute noch Erhaltene, auch inzwischen Verlorene, wie vor allem
die schöne Adlerdalmatika mit der einst dazugehörigen «Gugel».
Charakteristisch für Karl IV. ist die durchgängige, vermutlich erst von
ihm selbst geprägte Beziehung auf den großen Frankenkönig; der
Luxemburger, der seinen ursprünglichen Böhmennamen Wenzel gegen
diesen Namenspatron vertauscht und den alten, seit Jahrhunderten
obsolet gewordenen Kaisernamen in bewußter programmatischer Ab?
sieht erneuert hatte, war darin den romantisch?mystischen Traditionen
seiner alten Heimat Frankreich gefolgt. Jene willkürliche, aber un?
gemein charakteristische Bezeichnung hat durch ihn von da an kano?

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