Schlosser, Julius von
Die Schatzkammer des Allerhöchsten Kaiserhauses in Wien: dargestellt in ihren vornehmsten Denkmälern ; mit 64 Tafeln und 44 Textabbildungen — Wien, 1918

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Thomire und der Goldschmied Odiot. Aus neuerdings zum Vor?
schein gekommenen detaillierten Rechnungen ergibt sich, daß die Kosten
172.000 Franken betrugen. Noch merkwürdiger ist die ausführliche
Beschreibung von Prudhons eigener Hand, die uns die echte, aus dem
Geiste des französischen Klassizismus geborene Allegorik des Stückes
enthüllt.

Die Wiege ist ganz in Vermeil hergestellt; ein schwebender Genius,
die Gloire, hält zu Häupten des Wiegenkorbes, gemustert mit Napo?
leons Leibsymbol, der (aus merowingischer Königszeit stammenden)
Biene, einen Lorbeerkranz als Baldachinträger, unter dem der «Stern
Napoleons» erscheint. Zu diesem blickt nach Prudhons eigenen Worten
der «aiglon», das auf dem Fußrand des Korbes sitzende Adlerjunge,
im Begriff, seinen Flug zu beginnen, auf. Zwei Reliefs (Taf. LVIII)
zieren die Langseiten des Korbes, die Seine, das Neugeborene aus den
Händen Merkurs entgegennehmend, und der Tiber, den sich neu ent?
zündenden Stern betrachtend. An der Vorder? und Rückseite des Fuß?
gestells halten die anmutig modellierten Genien der «Stärke» und «Ge?
rechtigkeit» Wache (Taf. LIX).

Zwei weitere Objekte, für Marie Louise bestimmt, befinden sich erst
seit kurzer Zeit in der Schatzkammer, wohin sie als Legat nach dem
1913 verblichenen Erzherzog Rainer gelangt sind. Sie waren ursprüng?
lieh im Besitze von dessen älterem Bruder Erzherzog Leopold und auf
Schloß Hernstein in Niederösterreich verwahrt.

Das eine Stück ist eine prachtvolle Kassette (Taf. LX, LXI), aus
vergoldetem Silber, mit grünem, von goldenen Bienen gemustertem
Sammet überzogen. Auf den reichen Randleisten erscheint wiederholt
eine Nachbildung der «Aldobrandinischen Hochzeit», jenes vom Klas?
sizismus so sehr geschätzten Überrestes antiker Malerei. Auf dem
Deckel ist das Monogramm der Kaiserin Marie Louise in einem Lor?
beerkranz sichtbar. Die Kassette ist ein Geschenk Napoleons an seine
Gemahlin, bei seinem Kammergoldschmied Biennais bestellt, der
sich auf der Platte des kunstvoll gearbeiteten Schlüsselloches nennt. Das
im Empirestil gehaltene Tischchen ist jedoch eine viel spätere, bei der
Renovierung von Schloß Hernstein (1853—1883) hinzugekommene Zutat.

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