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Schmitzer, Ulrich; Wissenschaftliche Buchgesellschaft [Contr.]
Rom im Blick: Lesarten der Stadt von Plautus bis Juvenal — Darmstadt: WBG, Wissen verbindet, 2016

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https://doi.org/10.11588/diglit.72413#0212
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208

6 Rom loben heißt den Herrscher loben: die flavische Literatur

et Pharia de gente feras, quas perdere vile est,
unius amissi tetigit iactura leonis.
Dennoch wirst du mit dir einen bedeutenden Trost für den plötzlichen
Tod tragen, Besiegter, weil traurig Volk und Senatoren beseufzten, dass
du starbst, wie wenn du als bekannter Gladiator im kummervollen
Sand lägest; weil das Antlitz des großen Caesar unter so vielen wilden
Tieren aus Skythien und Libyen, vom Ufer des Rheins und aus phari-
schem Geschlecht, die zu verlieren nichts bedeutet, der Verlust eines
einzigen Löwen berührte.
Statius war nach eigenen Worten von diesem Ereignis so sehr berührt, dass
er es als Zuschauer noch im Amphitheater in Verse fasste und dem Kaiser
überreichte (silv. 2 praef.): ... leo mansuetus, quem in amphitheatro pros-
tratum frigidum erat sacratissimo Imperatori, ni statim traderem („... der
sanftmütige Löwe, der im Amphitheater niedergestreckt wurde: Es wäre
abgeschmackt gewesen, hätte ich das [seil. Gedicht] dem hochheiligen Kai-
ser nicht sofort übergeben"). Nicht der heroische Kampf ist für Statius also
eines spontanen Gedichtes würdig, sondern geradezu dessen Gegenteil.
Das blutige Geschehen in der Arena bleibt aus der Gedichtwelt der Silven
ausgespart.
Das Beispiel des Statius zeigt, wie sich im Fortgang der römischen Prin-
zipatszeit auch die Möglichkeiten verändert haben, die Stadt aus einer
nicht-monumentalen Perspektive literarisch zu begreifen. Da Domitian
mit seiner Herrschaftspraxis die Totalität der Stadt umfasst, bleibt dem
Dichter keine gedankliche Möglichkeit mehr, alternative Blickrichtungen
zu entwickeln, wie es noch die augusteische Dichtung vermocht hatte (die
Frage nach eventueller subversiver Ironie bleibt dabei unberührt). Dafür
weiß sich Statius selbst bei Themen, die der Alltagswelt zugehören, in ein
(selbst zugeschriebenes) exklusives Verhältnis zum Herrscher zu setzen
und auf diese Weise eine Deutungskompetenz unter Beweis zu stellen, die
ihn aus den übrigen Untertanen heraushebt. Das gibt ihm eine eigenstän-
dige Position im Rahmen der sich entwickelnden kaiserzeitlichen Gesell-
schaft.
Dennoch wird die nicht monumentale Stadt nunmehr in die Totalität
der Herrschaftsrepräsentation integriert, und auch die Autoren, die diesen
Aspekt der Stadt beschreiben, sind auf diese Weise Teil dieses Zugriffs auf
Rom durch den Princeps. Die einzige Möglichkeit, sich dem zu verwei-
gern, wäre eine offene Fundamentalkritik, die realistischerweise nicht
denkbar und nicht möglich war. Sie wurde erst von Juvenal erhoben, aus
der sicheren Position des post festum Schreibenden heraus.
 
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