Schreyer, Lothar
Erinnerungen an Sturm und Bauhaus: was ist des Menschen Bild — München, 1956

Page: 132
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GELMERODA

einem »Militaristen« — übrigens liebte er ihn — gepriesen
zu werden. Es begann, ein »nordischer« Abend zu wer-
den, zumal als Adolf Knoblauch enthusiastisch Gesänge
von William Blake vortrug, die er herrlich mit einem
sanften magischen Ton übersetzt hatte und ungehemmt
mit dem »Nordlicht« verglich. »Nein! Nein!« protestierte
Theodor Däubler mit Recht. »Man darf Dichter nicht
vergleichen!« Als sich Adolf Knoblauch auf die Malereien
von William Blake zurückzog, von denen er einen Band
herausgeben wollte, und sagte: »Neben William Blake
macht Chagall nichts als Hurenkram!«, platzte Rudolf
Blümner: »Von den Huren verstehst du so wenig, Knob-
lauch, wie ich von den Engeln des William Blake.« Und
damit es nicht noch mehr platzte, schaltete Herwarth
Waiden sich mit seinem Berliner Jargon köstlich ironisch
ein: »Bild bleibt Bild — vastehste?« Im übrigen wartete
Herwarth Waiden darauf, daß man ihn bat, auf dem
Flügel zu improvisieren. Aber niemand dachte jetzt
daran.
In einem Sessel saß Lyonei Feininger und schwieg. Sein
Platz war aber so, daß wir anderen um ihn herum saßen
und er die eigentliche Mitte war, sozusagen die Nabe
eines Rades, um die sich die Speichen drehten. Er hielt
die Augen gesenkt, und es war ungewiß, ob er zuhörte.
Es wurde mir aber nach einiger Zeit bewußt, daß wir
anderen alle nur seinetwegen da waren: Adolf Knoblauch,
der kindliche Kriegsschwärmer, Theodor Däubler, der
leidende Pazifist, Rudolf Blümner, der Eiferer für die
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