Schreyer, Lothar
Erinnerungen an Sturm und Bauhaus: was ist des Menschen Bild — München, 1956

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FRUCHT UND NEUE SAAT

unsere Kunst verfolgt wurde, die evangelische wie die
katholische Kirche der »entarteten« Kunst Zuflucht ge-
währten. Die Künstler, die dazu gewillt waren, fanden
in der kirchlichen Atmosphäre und im kirchlichen Raum
eine Stätte des Wirkens. Die metaphysische Wendung,
die charakteristisch ist für das Wesen der neuen Kunst vom
Expressionismus bis zur absoluten Malerei, fand und schuf
sich hier ein besonderes Wirkungsfeld, in dem sich die ge-
ordnete Sinnbildwelt aus der geistigen Wirklichkeit mit-
teilen konnte. Die Öffentlichkeit wußte kaum etwas davon.
Denn die kirchliche Kunst steht ihrem Wesen nach außer-
halb des Kunstbetriebes, da ihre Werke außerhalb des
Kunsthandels leben und der Kunsthandel weithin die zeit-
Die während fast zweier Jahrzehnte in der Stille wach-
sende neue kirchliche Kunst des 20. Jahrhunderts hat
sich im gegenwärtigen Jahrzehnt zu fast unwahrschein-
lichen Verkündigungen aus der geistigen Wirklichkeit
entfaltet und die neue Kunst unserer Zeit in einer Weise
dem Leben verbunden, wie es kein Kunsthandel und
keine Museumsverwaltung vermochte noch vermag.
Die kirchliche Kunst hat sich bereits die neue Industrie-
form zu eigen gemacht und sie zum Ausdrucksmittel des
Sakralen erhoben. Die neue Formung des christlichen
Mysterienkults in unserer Zeit - fast erschreckend für
viele Gläubige - ist künstlerische Sensation der Mit-
welt geworden. Die Sensation wird enden. Die Kunst
wird bleiben zu neuer Frucht und neuer Saat.
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