Schreyer, Lothar
Erinnerungen an Sturm und Bauhaus: was ist des Menschen Bild — München, 1956

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WER HEBT DEN SCHATZ?

Mit meiner Frau war ich wieder Gast in Wengen, im Hause
Höja bei Nell Waiden inmitten des Zaubers ihrer Bilder.
Im Fremdenführer steht, daß Wengen am Fuß der
Jungfrau liegt. Das stimmt nicht. Wengen liegt bereits
am Knie der Jungfrau. Und sie entschleiert sich wunder-
bar, wenn sie will. Dann ist sie eine strahlende Titanin,
weist uns ihr fern-liebliches Silberhorn, das große und
das kleine. Versunken blickt der Mönch zu ihr auf. Und
der Göttervater des Breithorn lächelt ihr an jedem Mor-
gen zu. Und die Titanen spielen Ball. Die Gewitter sind
ihre Bälle, geworfen von Felsklippe zu Felsklippe, blit-
zend, donnernd, hin und her über das Lauterbrunnen-
Tal. Bis dann plötzlich wieder die Schleier sinken und
die weiße stille große Jungfrau, sanft abendlich die Stirn
gerötet, über die grünen Matten der Tiefe blickt, von
denen das Geläute der Glocken des Jungviehs kindlich
klingt und oben im blaßgrünen Dämmerhimmel der
zarte Sichelmond — eine Spange von der Riesin Schleier —
über uns dahmschwebt.
Die Titanenschönheit verließen wir wieder und fuhren
nach Bern zu Otto und Hilda Nebel.
Wir sahen die kostbar-schönen Mosaiken, die Otto jüngst
geschaffen, und dann begann die Männersitzung zu
zweien.
Otto Nebel brachte einen ungeheuren Stoß von Manu-
skripten herbei. Vor Manuskripten, besonders wenn sie
sich häufen, pflege ich zu erschrecken.
»Alles unveröffentlicht«, sagte Otto Nebel grimmig.
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