Beck, Paul A. [Hrsg.]
Schwäbisches Archiv: Organ für Geschichte, Altertumskunde, Literatur, Kunst und Kultur Schwabens — 27.1909

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Weinweihe wurde gebetet um Abwendung
der Pest. Nach der Weihe wurde der
Wein ausgeteilt mit 2 silbernen Bechern,
die aus dem 18. Jahrhundert stammen
und Augsburger Arbeit sind. Nachmit-
tags wurde dann eine Zeit lang die Fest-
predigt gehalten und von einem Geist-
lichen die Namen der verstorbenen und
lebenden Mitglieder verlesen. Vor dieser
Namensverlesung fand die lnlimnlio statt,
eine kleine Anrede oder Aufmunterung
an die Mitglieder, wie eine solche das
Bruderschastsbuch von 1705 enthält. Am
Schlüsse der Namensverlesung wurde ge-
meinsam ein Vater unser und Ave Maria
gebetet.
Das Bruderschaftsbuch von 1705 ent-
hält noch einige Seiten von ziemlich alten
Namen, die es entweder dem Gedächtnis
der Zeitgenossen oder dem verlorenen
alten Bruderschaftsbuch entnommen hat,
so z. B. die Namen von längst vor 1705
verstorbenen Bürgermeistern, Stadtpfar-
rern und einer Reihe von Seelschwestern
(Klvsterle). Erst vom Jahre 1728 an
sind dem Jahre noch datierte Angaben
im Totenverzeichnis gegeben, das bis
1815 heraufreicht. Die Listen der Le-
benden sind von 1705 fortgeführt bis
auf 1900. Mit 1901 beginnend stehen
die Namen der Eintretenden im neuen
Bruderschaftsbuch.
Am Abende des Sebastianusfestes
wurde sodann die „Sebastianuszeche"
gehalten. In den älteren Zeiten war
sie an ein bestimmtes Lokal gebunden,
später wurde sie bei den Wirten, die
Sebastianusbrüder waren, abwechslungs-
weise gehalten. So schreibt z. B. ein
alter Traubenwirt in dem oft zitierten
Bruderschaftsbuch: den 24. November
1787 ist die löbliche Pflege St. Seba-
stiani zu mir gekommen als an Antoni
Köhler Traubenwirt, wo ich suchen werde,
selbe Herrn auf bestmöglichist zu be-
dienen".
Von der ganzen Bruderschaft sind uns
heute nur vier Dinge geblieben: 1. die
gottesdienstliche Feier der hl. Messen mit
Ausstellung des Sebastianusbilds in der
Stadtpfarrkirche, 2. das Grundstocks-
kapital, 3. die Sebastianus-Weinweihe
und 4. die Sebastianuszeche. Wer weiß,
ob nicht das Letztere in seiner Volkstüm-

lichkeit es allein verhindert hat, daß die
Sebastianusbruderschaft nicht auch, wie
ihre Schwesterbruderschaft, auf den toten
Punkt angekommen wäre.
Quellen und Literatur:
1) lübc;r ^.rmivsrsariorum, aus Pergament,
1530, Monat,Januar, Pfarrbibliothek Gmünd,
Handschrift.
2) lioAwtruru Luirivorsuriorum 1517, Papier-
handschrift, ebenda.
3) Brude>schastsbuch von 1705, dessen Einleitung
und Anlage von Joh. Adam Seibold, 1. ! .
0. denslieiutus 8. Viti ot iViuIrouo stamnii.
4) Franz Laver Debler, Chronologische Nach-
richten. 1 Bd., Rathaus Gmünd. Handschrist.
5) Franz T Debler, I-ibsr ^.Asriäoruin. 1780.
Handschrift. Pfarrbibliothek Gmünd.
6) Franz L. Debler, krotoeollum LoIIn»iain.o
Llunrunäiao, Handschrift, ebenda.
7) Eine handschriftliche Chronik, geschrieben von
Pfarrer Neuber, Privatbesitz.
8) Heinrich Ruckgaber, Geschichte der Reichsstadt
Rottweil, 1. Bd., Rottweil a. N., 1835.
8. Geschichte des ehenraligen
Hranziskanerinncnklosters
zu Unlingen. (Fortsg.)
8 4.
Von der Lust zur Tugend und
Frömmigkeit.
Eifrige Christen sollen es sich zum beson-
deren Geschafft machen, durchs genaue Erfüllung
ihrer Pflichten, und Ausübung Christlicher Tu-
genden sich Verdienste für den Himmel zu samlen,
denn was haben wohl zeitliche Dinge für einen
Werth, wenn sie mit der Tugend in Verglich
gezogen werden? Nach dem Urtheil des heiligen
Gregorius von Nazianz sind sie wie ein Kinder-
spiel zu achten. Die Verdienste, die wir uns
durch Tugendwerke sammeln, find der einzige
Schatz, welchen wir mit uns nehmen, wenn wir
aus dieser Welt in die Ewigkeit Übertritten.
Darum ermahnet uns der Weise Leolss: am
12. Kapl. 13ten v. Fürcht,e Gott, und halte
seine Gebote, denn dieses macht den
ganzen und vollkommenen Menschen
aus. Der Heil. Bernhard 8orrn. in Cant,
würft hierüber die ganz angemessene Frage
auf: wenn dieses den ganzen Menschen
ausmacht, was ist denn der Mensch ohne
dieses. Das ist, was ist er ohne Tugend,
ohne gute Werke?
Lassen sich die Liebhaberinnen des neuen
Instituts diese Lehre zur Warnung dienen. Sie
haben sich zu dieser Lebensart verstanden, weil
sie die Welt scheyen, die Einsamkeit lieben, und
durch ein ruhiges stilles Leben ehender zur
ewigen Glückseligkeit zu gelangen sich getrauen.
Sie müßen also keine Gelegenheit außer acht
lassen, Tugend und gute Werke zu üben. In
einer tlominurlituftt kann es ihnen nicht an der-
lei, Gelegenheit manglen, man wird nicht selten
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