Beck, Paul A. [Editor]
Schwäbisches Archiv: Organ für Geschichte, Altertumskunde, Literatur, Kunst und Kultur Schwabens — 27.1909

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Kapelle durch den Beichtvater, Ivo- und soweii
es bisher üblich war, einen Privat-Gottesdienst
für sich hallen zu lassen, allein dieser Gottes-
dienst darf dem pfarrlichen nie einen Abtrag
thun, und muß daher immer eine Stunde vor-
oder erst nach dem Pfarrgottesdienste gehalten
werden.
Uiberhaupt aber soll der Beichtvater den
Pfarrer nie in seinen pfarrlichen Verrichtungen
stöhren, oder in seine Pfarrgeschäfte Eingriffe
machen, Die Ordensfeste und das Fest des be-
sonderen Patrons der Klosterkirche dürfen (nach
Bischöflicher Verordnung) immer nur an dem
nächstfolgenden Sonntag, und zwar nur für die
Klosterfrauen unter sich, ohne dem Pfarrgottes-
dienste Abbruch zu thun, oder Leute aus der
Nachbarschaft herbeizuziehen, gehalten, auch von
keinem Seelsorger von der Kanzel oder durch
Anschlagung eines Zettels, oder sonst auf eine
Arte dem Volke verkündet werden. — Über
diesen Punkt ist bei Kloster-Visitationen immer
auch der Orts-Pfarrer zu vernehmen.
15. Sogleich bei der Publikation dieser Ver-
ordnung, und dann bei jeder gewöhnlichen De-
kanat-Visitation sollt ihr unter besonderer Bei-
ziehung eines visersten und verschwiegenen Ka-
pitels-Mitglieds, jedoch mit möglichster Er-
sparung der Kosten, auch die in eurem Land-
kapitels-Bezirke, befindlichen Frauenklöstern vi-
sitieren, und bei einem Durchgänge nicht nur
die Oberin, sondern auch ohne Ausnahme jede
einzelne Klosterfrau und Laienschwester, insbe-
sondere und allein, über die Beobachtung oder
Nichtbeobachtung aller bisher vorgeschriebenen
Punkte zu Protokoll vernehmen re.
Daran geschieht unser Königlicher Wille und
Wir bleiben Euch in Gnaden gewogen,
Stuttgart den 1809.
Königlicher Katholischer Geistlicher Rath
(lammsrsr

(Schluß folgt).

IVsrkrnsistor.

Schwäbische Biographien.
44) Herzogin Maria Augusta von
Württemberg.
(Fortsetzung).
Von Hofrat Th. Schön in Stuttgart.
Mt^aria Augusta setzte sich sofort mit
WM- dem Herzog-Administrator, dem Ge-
Heimenrats-Rollegium und dem engern,
landschaftlichen Ausschuß in Verbindung.
Sie suchte aber, wie es scheint, die Unter-
stützung des Königs bei ihren eigenen
Angelegenheiten, wohl namentlich hin-
sichtlich ihres Verhältnisses als Milvor-
münderin zum Herzog-Administrator, dem
Geheimrats-Kollegium und den Land-
ständen. Doch fand sie kein Gehör bei
dem nur auf seinen Vorteil bedachten
Preußenkönig.

Am 4. Mai 1742 schrieb der König von
Chrudim an Graf Gotter:'-^) »sluoi-
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8UU8 Lislkolck tout 68t P6räu«. Gotter
hatte nämlich den Übertritt Bielfelds,
der sich, wie man sah, der Gunst und
Gnade der Herzogin erfreute, in württ.
Dienste befürwortet, um durch ihn dem
Einflüsse der österr. Partei entgegen-
zuarbeiten. Dieses hielt der König für
unnötig. Sein scharfer Blick hatte er-
kannt, daß die Herzogin-Mutter für die
Heirat mit seiner Nichte vollständig ge-
wonnen sei und daher keine Gefahr vor-
handen sei, sie werde den Heiratsplan
Hintertreiben. Eben aus diesem Grunde
aber auch glaubte er der Herzogin-
Mutter in ihren Privatwünschen nicht
weiter mehr so entgegenkommen zu
brauchen, wie vorher. Der richtige Zeit-
punkt, mit Hilfe des Preußenkönigs den
ihr durch das Testament ihres Gatten
ursprünglich gebührenden Platz bei der
Vormundschaft über ihre Söhne wieder zu
gewinnen, war offenbar von Maria Augusta
versäumt worden. Sie hatte sich eben zu
sehr auf die Großmut des Königs ver-
lassen und sich in dem kalten Politiker
Friedrich getäuscht. Es blieb ihr jetzt nichts
übrig, als in die Heirat einzuwilligen. Noch
vor ihrer Zurückreife von Berlin ver-
pflichtete sich Maria Anna mit Zustim-
mung des Herzog-Administrators am
6. Mai 1742 unter dem Beistände des

"») Gustav Adolf Gotter, geboren 1692
in Altenburg, seit 1740 kgl. preuß. Hofmar-
fchall und starb 25. Mai 1762, war 1726
preußischer Freiherr und 29. Okt. 1740 preu-
ßischer Graf geworden.
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