Der Simpl: Kunst, Karikatur, Kritik — 1.1946

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H. Meyer-Brocknunn

SIND WIR BEREIT?

Das Leben wieder neu beginnen zu können ist,
trotz allem, eine herrliche Möglichkeit und eine
kostbare Gabe. Trotz allem, müssen wir sa-
gen, denn dieser Neubeginn setzt eine Katastrophe,
einen Bankrott voraus, deren Spuren und Narben
wir unser Lebtag tragen werden.
Von einem allgemeinen Neubeginn kann wohl heute
mit Recht gesprochen werden, denn einen Bruch hat
der Krieg in unser aller Leben verursacht. Den
einen hat das Unglück so getroffen, den anderen an-
ders, aber irgendwann hat ein jeder von uns sich
vorgenommen, nach dem Kriege ein neues Leben zu
beginnen und vieles anders zu machen.
Und wie die Künstler, die das empfindlichste Or-
gan der Menschengemeinschaft sind? Sind sie auch
anders geworden? Wollen sie auch etwas Neues?
Von einer Übersicht kann vorläufig wenig gespro-
chen werden. Die Veröffentlichungen, Ausstellun-
gen, Vorführungen sind meist isolierte Erscheinun-
gen und so abhängig von der rein praktischen Mög-
lichkeit, etwas zusammenzubringen, von materiel-
len, Verlags- und vorführungsrechtlichen Verwick-
lungen, daß man kaum eine klare Linie erkennen
kann.

Die Frage ist wohl auf allen Gebieten der Kunst:
Wird sich die Richtung der freien Gestaltung vom
Erlebten und Erleben aus, ohne Rücksicht auf die
Form, halten, oder bringt die Zukunft wieder eine
neue Rückkehr zum naturalistischen Schönheits-
ideal?

Diese Frage, die seit Jahrzehnten die dringendste
der Kunst ist, verursacht auch heute die größte
Spaltung. Ja, die Klüfte scheinen tiefer zu sein,
denn je. In Frankreich spricht man von einer Wie-
dergeburt des Kubismus, Picasso ist drüben wie bei
uns mehr erwähnt, denn je. Auf der anderen Seite
haben die Anhänger eines geklärten, das Verzich-
ten auf alle Wirkungsmomente bis zum Asketismus
treibenden, naturalistischen Stils ihren Widerwillen
gegen die „entartete" Kunst deutlich genug zum
Ausdruck gebracht.
Was ist „entartete" Kunst?

Den „Wahn" des Künstlers kann man bestimmt
nicht mit alltäglichen Maßen messen, denn wenn er
der Allgemeinheit entsprechen wollte oder würde,
wäre er eben kein Künstler. Es kann auch unmög-
lich sein, daß etwas, was ein Mensch in einer seligen
Stunde der Schöpfung aus sich gehoben und dessen
Sinnbild er mit irdischen Mitteln verwirklicht hat,

von jedem verstanden werde. Der Augenblick des
Schöpfens ist ein Offensein, ein Bereitsein vom
Künstler aus und ein Hinzuströmen von Oben, vom
Jenseits. Es ist eine höchst persönliche Angelegen-
heit des Künstlers, es ist ein unbewußter Empfin-
dungs- und ein bewußter Willensakt. Ja, es gehört
eine ungemeine Anstrengung dazu, etwas zu gestal-

te diese Füße ...

O diese Füße!
Wer kanti's verstehen,
trofif« sie gehen
und wo sie stehen,
dann wieder gehen
und wieder stehen?

Sie wandern, sie wandern
und wiegen ein Leben lang
sunt andern, sunt andern
den Stuntmen Gedankengang.

Weiß einer, was sie berühren

und was sie tragen,
au welchem Ziele sie führen

die stillen Fragen?

O Füße, Füße . . .
Ein Leben gehen
aus Not befohlen,
im Lebett gehen
ein Ding zu holen . . .

Den Weg %u mir gingen swei Füße.
Den Weg wohin ?
Versteht Ihr denn, wenn ich sie küsse
und hob' den Sinn?

O Füße, Füße!
Bis ans Sterben gegangen sein!
Sieh dann sum Himmel drehen,
in das Vage, sunt Stelldichein,
— wie weiter — Schritte gelten . . .
Was mag geschehen?

Speedy Srlilivh tvr

ten, denn ein jeder Künstler meint in dem Moment
der Inspiration, er sei unfähig das darzustellen, was
ihm vorschwebt.

In einem Artikel schreibt Frank Jerome, ein ameri-
kanischer Schriftsteller: „Das erste Gesetz der Kunst
müßte sein, daß es kein Gesetz außer des eigenen
gibt", und daß die künstlerische Tätigkeit so privat
sein sollte, wie eben nur möglich.
Und ob in diesem Moment der Schöpfung der
Künstler die althergebrachten Formen hervor-
nimmt, um sie mit neuem Leben zu füllen, oder ob
er seine neue Form schafft, das hängt eher von sei-
nem Temperament ab, als von der eigentlichen In-
spiration. Neue Formen zu schaffen ist natürlich
ein Wagnis. Aber ein Wagnis ist das Dasein des
Künstlers auch schon. Ein heiliges Wagnis, ein schö-
nes Wagnis, wo man nicht mehr weiß, ist das die
eigene Kraft, die waltet, oder ist das was anderes,
was einen treibt? Aber da Grenzen zu ziehen, er
darf das nur in dieser oder jener Weise tun, wäre
wirklich nicht angebracht.

Das Kunstschaffen ist intuitiv, und wie soll unser
an Alltäglichkeiten gewohntes Auge und unsere oft
abgehärtete und versteinerte Seele sich sofort zu-
rechtfinden? Wie sollen wir urteilen, ist das Be-
kenntnis einer kindlich einfachen Seele in schlichten
Formen das Richtige, oder das verwickelte Produkt
eines verwickelten Intellekts? Die Form der Äuße-
rung ist ja an und für sich nicht wichtig, sondern
das, was sie vermittelt.

Aber man soll dem Publikum nicht verargen, wenn
es heute nicht mit ajlem mitkommt. Vergessen wir
nicht: Die großen und kleinen Katastrophen haben
die Menschen verändert. Der stark war, ist stärker
geworden, der schwach war, ist heute noch schwä-
cher. Wer abseits war, ist heute ganz entrückt und
wer materiell war, der ist heute materieller denn
je. Das Bloßgestelltsein, das Unglück, hat in jedem
das unterstrichen, was seine hervorstechendste Seite
war. Den Tiefen hat es noch vertieft und den seich-
ten noch seichter und gemeiner gemacht.
Zeit brauchen wir, viel viel Zeit und Geduld gegen-
einander, bis die Kanten wieder abgeschliffen sind,
bis unsere Nerven sich beruhigt haben und bis wir
einander überhaupt ertragen können. Denn wir
sind soweit, daß schon die Existenz eines anderen
reizt. „Ausgerottet" gehört er, „verhaftet", hören
wir bald. Ja, weil wir so ans Ausrotten und Ver-
haften gewöhnt waren. Aber warum das weiter?
Freiheit sollte es doch geben — angeblich — Frei-
heit wieder, oder erst jetzt, doch — sind wir bereit?

S. Ernst

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Titel

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"Sind wir bereit?"
Weitere Titel/Paralleltitel
Der Simpl: Kunst - Karikatur - Kritik
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Aufbewahrung/Standort

Aufbewahrungsort/Standort (GND)
Universitätsbibliothek Heidelberg
Inv. Nr./Signatur
G 5442-11-5 Folio RES

Objektbeschreibung

Maß-/Formatangaben

Auflage/Druckzustand

Werktitel/Werkverzeichnis

Herstellung/Entstehung

Künstler/Urheber/Hersteller (GND)
Meyer-Brockmann, Henry
Entstehungsort (GND)
München

Auftrag

Publikation

Fund/Ausgrabung

Provenienz

Restaurierung

Sammlung Eingang

Ausstellung

Bearbeitung/Umgestaltung

Thema/Bildinhalt

Thema/Bildinhalt (GND)
Karikatur
Satirische Zeitschrift

Literaturangabe

Rechte am Objekt

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Künstler/Urheber (GND)
Universitätsbibliothek Heidelberg
Creditline
Der Simpl, 1.1946, Nr. 3, S. 26. Universitätsbibliothek Heidelberg
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