Der Simpl: Kunst, Karikatur, Kritik — 1.1946

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DIE ERKENNTNIS

M. v. Gosen

BRESLAUE

Wenn ich aus dem kleinen Fenster meines niederen
Zimmers in der Altstadt Regensburgs schaue, dahin
mich das Nachkriegsschicksal verschlagen hat, meine
ich erwacht zu sein nach einem Jahre umspannenden
Alpdruck in meiner Kaffeehaus-Literatenzeit, damals
in meiner Heimatstadt Breslau, in die an aufflammen-
dem Erleben überreichen Jahre, an den Beginn des
aus noch unbewußten Tiefen der Seele keimenden
Schaffens.

Hier wie dort laufen gedeckte Holzgalerien um das
alte, dickwandige Haus, schaue ich auf Hinterhaus-
balkone, die mit Jelängerjelieber und Pegouien be-
stellt sind, schreiten würdevoll heimlich dichtende
Murrs und Muciusse über die altersblassen Dächer
und Mauern, tönt plötzlich eine Stimme auf in den
Akkorden der Barcarole etwa — und doch sind Jahre,
glückliche und furchtbare Jahre, die alleine genügten,
ein armes Menschenleben randvoll zu erfüllen, ver-
gangen seitdem.

Es war eine geistige Boheme damals, in den drei
letzten Jahren vor 33, in den letzten drei Jahren
der Freiheit; eine Boheme, die sich auch äußerlich
kundtat in Kleidung, in der Rede und in Gebärden
und in der bei aller vorhandenen Unreife und zeit-
weiligen Verschrobenheit doch die Keime sich ent-
wickelten, deren Früchte wir nun, nun nach zwölf
Jahren, bringen dürfen.

Freilich, wer von den Zigeunern von damals lebt
noch?

Eine Boheme war's, ähnlich der durch Murger berühmt
Gewordenen des Quartier latin, deren ganze und un-
geteilte Liebe der Kunst gehörte und deren äußerlich
zur Schau getragene Skurrilität Ausdruck war einer
innerlichen Haltung: der absoluten Verachtung des
Spießbürgerlichen in jeglicher Lebensäußerung sowie
der Forderung der vollkommenen Freiheit der Kunst.
Eine Boheme, die, ernster wohl und ihrer Basis
beraubt, ein heimliches Schattendasein weiterführte,
auch nach 33, freilich nicht mehr in der äußeren Form
als vielmehr in ihrer inneren Bewegtheit.
Denn das ist das Bezeichnende, das Kriterium ihrer
Echtheit, daß wir, in bürgerlichen Berufen unter-
geschlüpft oder von Privatunterricht und einigen
gelegentlichen Publikationen lebend, um nicht die Ars
sacra erniedrigen zu müssen zur Hure einer staat-
lichen Propaganda, auch durch jene Jahre des künst-
lerischen Vacuums der Kunst treu blieben und den
Gral verborgen trugen, wartend, hoffend . . .
Jene Jahre vor 33 waren die schöpfungsnahen Jahre
unseres geistigen Werdens — sie sind unser Tempetal
reinster Erinnerung.

Einem Malerfreunde, der mit seinem Können absolut
nichts anzufangen wußte, verkauften wir anderen
einen Teil seiner Arbeiten, nahmen einen Handwagen
(dem Besitzer wurde als Entgelt ein Porträt „von der

L BOHEME / EIN RÜCKBLICK

Hand eines berühmten Meisters" zu Weihnachten ver-
sprochen), bauten ein Gestell darauf ähnlich dem der
Bücherkarren und hielten mit den darauf befestigten
Bildern einen Umzug durch die Straßen der Stadt.
Wir waren, denn ein bißchen Angst hatten wir wohl
vor unserem eigenen Mut, sehr billig und brachten
trotzdem (oder gerade darum?) dem Ueberraschten
zum Abend ins Stammcafe ein hübsches Päckchen
Zechinen mit.

Der Schatz wurde nicht alt; das Ereignis mußte ge-
feiert werden, und unser Freund bezahlte am nächsten
Tage in einer katzenjämmerlichen Anwandlung von
Großmut seine Miete und kaufte sich — einen Hund.
Ach, diese Stunden und Nächte im Stammcafe!
Es wurde Schach gespielt, und es wurde alles be-
sprochen, was uns bewegte — und das war vieles,
wenn's auch stets und immer nur um das eine Thema
ging: die Kunst!

Damals starb Klabund, und am Abend vor der offi-
ziellen Totenfeier im alten Lobetheater (Carola Neher
sprach die Ode an Crossen und die schönsten Worte
an Irene) kamen wir zu einer intimen Gedächtnis-
stunde zusammen.

Einer las Klabunds Schwanengesang, den in Davos
geschriebenen „Ahasver", und ich werde nie ver-
gessen, wie es uns Junge, Zukünftige packte, als er
in wunderbarer Interpretation die Worte sprach:
„Weh' Dir, Sterblicher, daß Du unsterblich bist."
Wir fühlten prometheische Schmerzen in • uns auf-
blühen, aufwühlend das Meer unserer Empfindsamkeit
und doch tröstend und verheißend.
Mit „Hippel", meinem liebsten Freunde, gründete ich
in Hoffmännischem Geiste in den „Spanischen Wein-
stuben" (die sogar echt waren) die „Gesellschaft zur
Verbreitung phantastischer Literatur" bei viel Alicante
und Priorato, eine Gesellschaft, die allerdings aus
ihren beiden Gründern allein bestehen blieb und
deren einzige Frucht das Manuskript (besaß' ich's
doch noch!) eines Märchens „Der Homunculus" blieb,
in dem zwei arme Dichter ein munteres und manchmal
boshaftes, doch gewissenhaft Schätze zutragendes
Geistlein materialisieren, das endlich nach allerlei
Dienstbarkeit unter einem gelegentlichen Lawinen-
sturze von Büchern erschlagen wird. —
Ich schaue von meinem Tische zum Fenster hinaus.
Ueber den flechtengrauen Dächern hängt ein noch
grauerer, trostloser Himmel.

Es Tegnet ohn' Unterlaß, und ich friere, trotz der
Decken, in die ich mich gehüllt habe wie eine ägyp-
tische Mumie.

Ich habe keinen Ofen, und ich habe kein Geld, wie
mein Verleger noch keine Lizenz — ein neues Boheme-
leben, aber welch ein Abgrund klafft zwischen diesem
und jenem, und was liegt zwischen ihnen.
Bisweilen im Felde und just heute wieder ist mir,

ND AUSBLICK

als lebte ein anderer mein Leben, als hätte ich gleich
Meyrincks Pernath meinen Hut vertauscht — nur daß
ich keinen Hillel finde, der mir den meinen zurückgibt.
Ja, es will mir scheinen, als schaue ich mich in einem
unheimlichen Vexierspiegel, der Seiten meines Wesens
enthüllt, die mir verborgen sind für gewöhnlich, und
verschleiert das, was ich für mich gehalten habe.
Vielleicht kann ich's so ausdrücklicher sagen:

Dämon im Spiegel

Rätselvolles Angesicht,
das, gebeugt zu fernsten Quellen,
fordernd zu mir Fremdem spricht;
wissend, heischend das Gericht,
ihm mich zu gesellen.

Was da bebend sich verhüllt,
geht in meines Fernseins Stille
glühend ein und bleibt. Erfüllt
wächst es, und es harrt gestillt.
Wessen ist mein Wille?

Ja, ich bin mir jäh entglitten,
ob ich auch ein Nein vermeinte
seinem Nahen und inmitten
meines Wollens zagen Bitten,
denen es sich grau versteinte.

Und nun frage ich mich, warum ich, in ganz anderen
Arbeiten steckend, dieses Erinnerungsfragment schrieb
und für wen?

Sollte es nur ein Gruß sein an die Freunde, an die
eigene Jugend? Sehnsucht — Heimweh? Vielleicht.
Und doch mehr noch.

Wir haben Jahre hinter uns, die uns zum Schweigen
verdammten; Jahre, in denen wir unter einem dia-
bolischen Gesetze standen, das uns schließlich in den
schrecklichsten (weil ungerechtesten) aller Kriege
hetzte.

Aber von ihnen will ich nicht sprechen, von ihnen
reden und handeln andere, Leute, die berufener sind
als ein frierender Dichter in Spitzwegscher Kammer.
Was ich sagen wollte, ist dieses: Suchen wir noch
einmal ganz unproblematisch den Anschluß an jene
Jahre der Freiheit, des Beginns unseres persönlichen
Schaffens, unserer Jugend, und holen wir uns aus
ihnen die Kraft (woher sollten wir sie denn nehmen?),
nach langem geistigem Interregnum auf dem damals
Begonnenen das Neue zu gestalten.
Suchen wir das in uns nachhallende Inferno zu über-
winden und mit der uns verbliebenen Restsumme
unserer Kraft der Kunst zu dienen, so zu dienen, wie
man ihr dienen soll: um ihrer selbst willen.
Rückblick und Ausschau zugleich, aber Ausschau mit
des Lynkeus' Augen. Claus G. Mueller

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Werk/Gegenstand/Objekt

Titel

Titel/Objekt
"Die Erkenntnis"
Weitere Titel/Paralleltitel
Der Simpl: Kunst - Karikatur - Kritik
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Aufbewahrung/Standort

Aufbewahrungsort/Standort (GND)
Universitätsbibliothek Heidelberg
Inv. Nr./Signatur
G 5442-11-5 Folio RES

Objektbeschreibung

Maß-/Formatangaben

Auflage/Druckzustand

Werktitel/Werkverzeichnis

Herstellung/Entstehung

Künstler/Urheber/Hersteller (GND)
Gosen, Markus von
Entstehungsort (GND)
München

Auftrag

Publikation

Fund/Ausgrabung

Provenienz

Restaurierung

Sammlung Eingang

Ausstellung

Bearbeitung/Umgestaltung

Thema/Bildinhalt

Thema/Bildinhalt (GND)
Karikatur
Satirische Zeitschrift

Literaturangabe

Rechte am Objekt

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Künstler/Urheber (GND)
Universitätsbibliothek Heidelberg
Creditline
Der Simpl, 1.1946, Nr. 6, S. 62. Universitätsbibliothek Heidelberg
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