Der Simpl: Kunst, Karikatur, Kritik — 1.1946

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UNTERHALTUNG

M. v. Gosen

„WAHRT DIE STADT DER KUNST IHRE CHANCE?'

Wir haben noch zu wenig Probleme, deshalb schafft
die Tagespresse neue. ,,Wahrt die Stadt der Kunst
ihre Chance" nennt sich eine ihrer Neuschöpfungen
und sie versteht darunter die Unzulänglichkeit der
Bayerischen Staatsoper. Da ja die Straßen der
Stadt so gut wie „beinahe vom Schutt befreit"
sind, die Industrie „fast auf Hochtouren" arbeitet
und das Publikum schon wieder „anspruchsvoll"
wird, befindet sich die Oper entschieden im Rück-
stand. Dafür hat niemand Verständnis.
Das Problem ist vor allem dringend, denn es
läuft gerade die Entnazifizierung. Es ist die ein-
malige Chance für Clemens K r a u ß , dem es
gelang, in der „kulturellen Verödung der letzten
zwölf Jahre" die Staatsoper zu einem „Höhepunkt
künstlerischer Entfaltung" zu bringen. Leider ist
er stark belastet und „daher, mindestens zunächst,
unmöglich zu belassen". Das gibt ein Meisterwerk
der Entnazifizierung. Und Ihr anderen Herren, die
Ihr nicht in der USA.-Zone auftreten dürft, beeilt
Euch, „wahrt Eure Chance!". —
Das Problem ist auch tief: Wo bleiben die Auf-
führungen „von Format"? Wo bleiben die Aös-
stattungen ä 80 000.— RM, die Extrafertigungen
ganzer Schuhgarnituren ohne Bezugscheine? Das
allein ist wahre Kunst. Das Publikum verlangt
Echtheit und keine Provisorien. Steinerne Mauern,
wirkliche Blumen, lebende Pferde und wenigstens
einen mit Atomenergie betriebenen Schwan sind das
Mindeste, womit die Staatsoper an die Krauß-Ära
heranreichen könnte. Und Richard Strauß? Mün-
chen hatte sich sooo an seine Opern gewöhnt. Der
neue Kurs ist nicht „demokratisch" genug. Spielt
wenigstens einmal wöchentlich Strauß, sozusagen
als Stammgericht!

Das Problem hat auch seine Gründe : Am Ende
der kommenden Spielzeit hätte jeder beurteilen
können, was aus der Staatsoper geworden ist. Bis
dahin wäre ihr die Bühne des Prinzregententheaters
vielleicht ganz und nicht nur fallweise überlassen
worden und die Bauarbeit, die durch immer neue
Schwierigkeiten verzögert wird, zu Ende geführt.

Aber dann wäre es ja kein Problem mehr gewesen.
Die Mitglieder des Instituts versicherten uns, wenig-
stens nachts einigermaßen Ruhe zu haben. Gegen
solche Faulheit müßte nachgerade Einspruch erhoben
werden. Was von den Mitgliedern des Instituts aus
Liebe zur Sache vorbildlich geleistet wurde, gilt nicht.
Das Problem hat auch seine Hintergründe.
Ein Generalintendant, der eine so „wohlwollende
Kritik" der Tageszeitung Lügen straft, ist in un-
serer Demokratie untragbar. Glücklicherweise
konnte die Zeitung entgegen ihrer Zusage der un-
veränderten Wiedergabe „wegen Platzmangels" die
verfänglichen Stellen der Antwort zusammenstreichen.

(Ein Glück für die Öffentlichkeit, es würde sonst
niemand mehr an das Problem glauben, sondern
etwas anderes--.) „Belastend" für den General-
intendanten ist ferner die Kritik des amerikanischen
Pianisten Kilenyi, der in der „New York Times"
von „splendid productions under the menagement
of Arthur Bauckner" schreibt. Ist es nicht höchste
Zeit, die Staatsoper zu re-nazifizieren? Hätte das
Thema nicht richtiger heißen müssen: „Wahrt die
Hauptstadt der Bewegung ihre Chance?"
Herr Dr. A. Bauckner ist „daher mindestens zu-
nächst unmöglich zu belassen." Am Ende wartet
schon jemand auf seinen Platz? — peng

DEN NEUEN THEATERN INS STÄMMBUCH

Wenn die Technik versagt,
Muß der Mensch sie ersetzen.
Wenn der Film nicht mehr mag,
Muß Theater ergötzen.

Das Volk will stets „Panem"
Und „Circenses" auch,
Doch kann man nur ahnen,
Wann wieder voll unser Bauch.

Weil „Panis", das Brot,
Viel zu wenig heut ist,
Wird uns unsre Not
Durch Zirkus versüßt.

Die Szenen im Leben
Sind noch lang nicht genug,
Drum geht heut das Streben
Nach Theaterbesuch.

Nun irrt, wie bekannt,
Der Mensch, wenn er strebt,
Und es ist amüsant,
Was dabei man erlebt:

Der Zuschauer darf

Nicht nur sehen. — Er fühle!

Drum setze man scharf

Ihn auf Gartenstühle.

Auf solchem Besuch,
Ich gesteh' es voll Mut,
Ruht ein heiliger Fluch. — —
Doch der Ein-druck ist gut.

Ein Stück kann nur taugen,
Wenn Tote drin sprechen
Und mit ihren Augen
Den Stab über uns brechen.

Wir haben noch nicht
Genug Tote gesehen! —
Ein Traumgesicht
Läßt sie uns auferstehen.

Wir alle sind schuldig,
Denn wir leben noch,
Und warten geduldig
Auf unser Loch.

Dann wird auch ein Traum
Uns nicht mehr viel nützen,
Denn man stellt uns wohl kaum
Einen Stuhl hin zum Sitzen,

Wie ihr euren Toten
Auf eueren Bühnen .. .
Doch laßt nur: Die Moden
Helfen Geld euch verdienen.

Und zum Schluß: Was ihr spielt.
Das ist ganz egal.
Nur das Mütchen gekühlt
Und probiert es mal!

Nur euere Preise,

Die seien „oho"!

Denn das sind Beweise

Für euer Niveau. K. Fuß

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Titel

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"Unterhaltung"
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Der Simpl: Kunst - Karikatur - Kritik
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Aufbewahrung/Standort

Aufbewahrungsort/Standort (GND)
Universitätsbibliothek Heidelberg
Inv. Nr./Signatur
G 5442-11-5 Folio RES

Objektbeschreibung

Maß-/Formatangaben

Auflage/Druckzustand

Werktitel/Werkverzeichnis

Herstellung/Entstehung

Künstler/Urheber/Hersteller (GND)
Gosen, Markus von
Entstehungsort (GND)
München

Auftrag

Publikation

Fund/Ausgrabung

Provenienz

Restaurierung

Sammlung Eingang

Ausstellung

Bearbeitung/Umgestaltung

Thema/Bildinhalt

Thema/Bildinhalt (GND)
Karikatur
Satirische Zeitschrift

Literaturangabe

Rechte am Objekt

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Künstler/Urheber (GND)
Universitätsbibliothek Heidelberg
Creditline
Der Simpl, 1.1946, Nr. 8, S. 90. Universitätsbibliothek Heidelberg
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