Der Simpl: Kunst, Karikatur, Kritik — 1.1946

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AUFGEBLASENE TEUFEL

Zu den vielen Wundern des Daseins gehört das mensch-
liche Gehirn mit seinem Denk- und Erinnerungsvermö-
gen. Keine Kartei der Erde könnte blitzartig das Ge-
wünschte eines längst vergangenen Ablaufs so rasch zum
Vorschein bringen wie das Gedächtnis.
Es sind schon viele Jahrzehnte her, da spielten wir Kin-
der mit aus Gummi geformten Teufeln, die durch Auf-
blasen Gestalt bekamen. Sie waren efschreckend bemalt
und die Konturen zeigten plastisch den Kopf, die Ohren,
Hörner, Arme und Beine. Mittels eines kleinen Holz-
mundstückes, das irgendeine Stimme enthielt, wurden
die Teufel aufgeblasen. Je mehr das geschah, desto
schrillere Töne entstanden beim Ausströmen der Luft.
Blies man zuviel in diese luftballonartigen Gebilde,
dann zerplatzten die Teufel. Am vergnüglichsten war
es, wenn die Luft ausging, der Gummi schrumpfte und
der Teufel mit immer schwächere^ Ton in ein undefi-
nierbares Etwas zusammensank.

Diese längst vergessenen Teufel bringt mir nun der
Nürnberger Prozeß plötzlich wieder in Erinnerung. Dort
gaben die Aufgeblasensten aller Teufel — leider nicht
aus Gummi, sondern aus der Substanz letzter mensch-
licher Verkommenheiten — vor kurzem ihren letzten
Mißton von sich.

Zu Beginn des Prozesses versuchten sie noch einen schril-
len Ton herauszubringen, indem sie die Zuständigkeit
des Gerichtes in Frage stellten. Das taten ausgerechnet
die, die sich weder auf ein geschriebenes noch ungeschrie-

benes Gesetz berufen können, die nicht sagen konnten,
wer ihnen das Recht gab, so viel Mord, Gemeinheit, Un-
glück und Vef heerung überdie Menschheit gebracht zu haber.
In scheinbar kluger Voraussicht haben sie die Vertreter
Gottes mit sichtbaren Talaren nach bestem Können aus-
zurotten versucht. Um so eifriger mühten sie sich, sich
selbst mit einem Talai zu tarnen, die Teufelsfüße zu
verdecken und sich auf eine göttliche Vorsehung zu be-
rufen. Sie wollten einem beschränkten Kreis glaubhaft
machen, daß sie nach einem Vertrag mit dem Allmäch-
tigen handeln. Wie wenig der Allmächtige mit ihnen im
Bunde war, das haben die, die es längst hätten wissen
sollen, leider viel zu spät erfahren.

Es ist doch unglaublich vermessen, wenn sie, die sich aus
Feigheit oder Erkenntnis nicht schon selbst gerichtet hat-
ten, nach einem Forum suchen wollten, dem sie das
Recht zuerkennen würden, über sie Gericht zu halten.
Jede wahllose Gruppe von Kindern, Müttern und Vä-
tern jeden Alters und Standes hätte ein Anrecht dar-
auf, über diese Teufel zu Gericht zu sitzen. Die Vereinten
Nationen haben es sich nicht leicht gemacht und die Me-
thoden eines Robespierre abgelehnt. Beweisstück um Be-
weisstück wurde zusammengetragen, eine Kleinarbeit,
die einer edleren Sache würdig gewesen wäre, wurde ge-
leistet. Tag um Tag sanken die Teufel immer mehr in
sich zusammen, aber nur Vereinzelte von ihnen fanden
den Mut zu sagen: „Wir haben das Spiel verloren und
können zu unserer Entschuldigung nichts mehr aufbrin-

gen. Bitte, machen Sie es kurz!" Jeder von ihnen glaubte
noch an eine Chance, die es ihm ermöglichen könnte, auf
eine noch so erbärmliche Weise weiter leben zu können.
Hätten sie sich doch den Spruch der Freimaurer zu eigen
gemacht, die sie so sehr bekämpften: „Wenn es am ba-
sten schmeckt, soll man aufhören!"

Im Jahre 1936, zur Zeit der Olympiade, war dieser
Punkt erreicht. Damals glaubte ihnen noch ein Teil der
Welt, daß sie das arme Deutschland aus seiner Not er-
retten wollten. War dieser Glaube auch nicht einmütig,
so konnte man doch einen gewissen Kredit, der ihnen
teilweise zugebilligt wurde, nicht absprechen. Aber die
Teufel hatten das Gefühl für das Sattsein verloren und
sich allmählich selbst zum Platzen gebracht.
Wäre es nur ihr Eigenschicksal, dann könnte man zur
Tagesordnung übergehen. Sie haben aber leider — gleich
einer überdimensionalen Atombombe— die Welt in
Trümmer gelegt und den Fluch von nicht zählbaren
Millionen Menschen auf sich geladen, ohne sich auf
irgendein Gesetz berufen zu können. Wenn dann diese
Teufel noch glauben, daß ihnen vielleicht ein Unrecht
geschehen sei, dann hat in diesem Gerichtssaal nur noch
eine technische Vollkommenheit gefehlt, nämlich: Die
Übertragung des Höllengelächters aus dem Reiche un-
verfälschter Teufel. Bei der Mentalität der Angeklagten
ist leider zu erwarten, daß sie auch diese letzten ihrer
Bundesgenossen verleugnen und damit deren Kompetenz
ablehnen. Eroka

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Werk/Gegenstand/Objekt

Titel

Titel/Objekt
"Der Mensch und sein Werk"
Weitere Titel/Paralleltitel
Der Simpl: Kunst - Karikatur - Kritik
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Grafik

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Aufbewahrung/Standort

Aufbewahrungsort/Standort (GND)
Universitätsbibliothek Heidelberg
Inv. Nr./Signatur
G 5442-11-5 Folio RES

Objektbeschreibung

Maß-/Formatangaben

Auflage/Druckzustand

Werktitel/Werkverzeichnis

Herstellung/Entstehung

Künstler/Urheber/Hersteller (GND)
Brust, Karl Friedrich
Entstehungsort (GND)
München

Auftrag

Publikation

Fund/Ausgrabung

Provenienz

Restaurierung

Sammlung Eingang

Ausstellung

Bearbeitung/Umgestaltung

Thema/Bildinhalt

Thema/Bildinhalt (GND)
Karikatur
Satirische Zeitschrift

Literaturangabe

Rechte am Objekt

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Künstler/Urheber (GND)
Universitätsbibliothek Heidelberg
Creditline
Der Simpl, 1.1946, Nr. 11, S. 126. Universitätsbibliothek Heidelberg
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