Der Simpl: Kunst, Karikatur, Kritik — 1.1946

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HARTE ARBEIT

Solch Friedensengel hat Gewicht! /
Er kommt nicht hoch, er rührt sich nicht,

für dreic ist er viel zu schwer.
Doch kam' der vierte Helfer her —

J. Erb ci

man brächt* ihn auf die Beine!
S t e h n könnt' er dann alleine.

COCKTAIL 15M6

Bei einer Neujahrsbowle auf Molkebasis besteht die Ge-
fahr, daß unseren Gästen das Lächeln auf den Lippen
erfriert und das Neue Jahr mit dem Weltschmerz beginnt
anstatt mit einem Schwips. Der SIMPL serviert daher
seinen Lesern einen (leider auch) garantiert alkoholfreien
Cocktail nach folgendem Rezept:

„Man nehme eine Handvoll Pressenachrichten des ver-
gangenen Jahres, di« damit verbundenen Sorgen, spär-
lichen. Freuden und noch spärlicheren Gedanken des
Publikums, füge einen kleinen Schuß 96prozentiger Bos-
heit hinzu, fülle das Ganze mit der entrahmten Frisch-
milch der frommen Denkungsart auf, gieße os in einen
verschließbaren Becher, schüttle kräftig und anhaltend
und lasse den Inhalt langsam in ein sauberes Glas
fließen." — Lassen wir es einmal fließen:
Zunächst ist die Flüssigkeit von rosiger Färbung. Nach
der Moskauer Außenministerkonferenz atmet die Welt
Verständigung und Hoffnung. Die „Washington Post"
hält das Ende der Schwierigkeiten in den Beziehungen
zur Sowjetunion für gekommen. Der Bürgerkrieg in
China ist auch zu Ende. Amerikanische Soldaten dürfen
Heiratsgesuche mit Oesterreicherinnen einreichen.. Unsere
junge Damenwelt fühlt sich damit ermutigt. Und — man
hat es uns zu schnell vergessen lassen — die Münchner
Polizei unterzieht sich einem Höflichkeitswettbewerb.
Aber die Weltgeschichte geht weiter. Feldmarschall Mont-
gomery bekommt eine Grippe. Oesterreich verlangt
„Anschluß" des Berchtesgadener Landes. Furtwängler
muß die Fleischtöpfe der Schweiz verlassen. Das OKW
kommt auf die Anklagebank. Ueber die USA bricht eine
neue Streikwelle herein. In Paris streiken zunädist die
Musiker.

Doch nur den Mut nicht verlieren, werden doch bei Min-
den die fünfzehn Schnupftabakdosen des Alten Fritz
wieder aufgefunden, und der amerikanische Gesundlieits-
offizier schlägt eine Erhöhung der Lebensmittelrationen
auf — man bedenke — 1750 Kalorien vor. Außerdem
wird die KPD in Bayern zugelassen und wir hören
wieder von den Gebrüdern Piccard. Der eine will erneut
in die Stratosphäre aufsteigen, der andere in 4000 Meter
Mecrestiefc photographieren. Welch gegensätzliches Paar!
Die erste direkte Verbindung mit dem Mond wird her-
gestellt. Nicht minder erschütternd ist ein Erdbeben in
der Schweiz: Kassenschränke wanken, jedoch nicht die
bürgerliche Moral. Die Moral der Erlanger Studenten
läßt jedoch zu wünschen, denn sie benehmen sich Pastor
Niemöller gegenüber wenig rücksichtsvoll. Der schwedische
Prinz Karl Johann hingegen heiratet eine Bürgerliche.
Der Honigmond der UN wird durch komplizierte inter-
nationale Probleme versäuert: Persien klagt gegen Ruß-
land, Rußland beklagt sich über Anwesenheit britischer
Truppen in Griechenland und die Ukraine über die in
Indonesien. Von Indonesien bis zur Ukraine ist ein
weiter Weg, aber die Truppen sind unerwünscht; der
Cocktail fließt indessen wie Honig.
Es gibt noch manches Erfreuliche. Der Fall Griechenland
wird beigelegt. General Paulus versichert auf Anruf, daß

es den deutschen Gefangenen In Rußland gut gehe; Frau
E. Roosevelt bekommt einen günstigen Eindruck von der
Gesundheit unserer Kinder; Papst Pius XII. begeht in
Gesundheit seinen 70. Geburtstag; Nofretete zeigt sich
wieder frisch und munter im Landesmuseum Wiesbaden.
In ihrer Heimat sind indessen Unruhen, ebenso in Indien.
Uns verursacht die Steuererhöhung und Verdopplung der
Postgebühren Unruhe. Die Spionageaffäre in Kanada
verstimmt das internationale Klavier. Inzwischen verfaßt
Amerika ein Weißbuch gegen die argentinische Regierung
Peron. Franco wird durch eine Dreimächteerklärung be-
unruhigt, später bekommt auch er ein Weißbuch und
König Christian von Schweden eine Lungenentzündung.
Nun wird das Säuberungsgesetz aus der Taufe gehoben.
Churchill zieht in Fulton den „eisernen Vorhang" aus
dem Taufbecken. Trotz des Vorhanges erfahren wir vom
Rücktritt Mannerheims. Dann kommt der Zwischenfall
von Haiphong. Auch Wolfratshausen erlebt einen Zwi-
schenfall, der die Reihe der Landratsskandale einleitet.
Der Zwischenfall Iran verstimmt das internationale Kla-
vier vollständig. Die Dissonanz erreicht einen Punkt,
der Gromyko veranlaßt, die Tür im Sicherheitsrat hinter
sich zuzuwerfen. Stalin wird indessen erneut Regierungs-
chef. Rußland bekommt einen neuen Fünfjahresplan und
die Schweiz soll einen diplomatischen Vertreter Rußlands
bekommen. Rege Tätigkeit zeigt sich auch im Erziehungs-
sektor: Die BBC plant Sendungen in russischer Sprache,
während Papst Pius XII. seinen Priestern naheregt, die
Gläubigen in Verbindung mit den kirchlichen Lehren
politisch zu beraten (was diese in Bayern sich auch an-
gelegen sein lassen). Sachsen wählt zur politischen Be-
ratung Briketts mit der Aufschrift „SPD und KPD ver-
eint im Kampf". Schließlich kommt Görings Marschalls-
stab in das Museum der Militärakademie West Point.
Schweden will nun auch ein Weißbuch herausbringen. Der
Negus möchte das Schulwesen Abcssiniens nach schwe-
dischem Muster neu aufbauen. (Moderner wären aller-
dings „Bekenntnisschulen" nach bayerischem Muster.)
10 000 Demonstranten versuchen den Amtssitz des japa-
nischen Ministerpräsidenten zu stürmen. Japan hat eben
keinen Dr. Högner. Die Verhandlungen über Deutschland
sollen erst stattfinden, wenn die Friedensvertragsentwürfs
für die Vasallen Deutschlands fertiggestellt sind. Wir
haben also viel Zeit. Rußland bestellt inzwischen zwanzig
Millionen Uhren in der Schweiz. Iran zieht plötzlich
seine Beschwerde bei der UN zurück. Dafür kommt
Franco-Spanien vor die UN. Palästina entwickelt sich von
neuem zum Unruheherd. Die einzige in Deutschland
befindliche „blaue Mauritius" wird gestohlen und in Berlin
die SED gegründet. Die englische Liga zur Rettung der
Kunst plant einen Kreuzzug gegen Picasso. Später wird
die Neue Zeitung einen Artikel erscheinen lassen „Hat
Picasso gelebt?"

Die SED ist zwar noch im Wickelkissen, aber Sachsen
bekommt schon seine Hausvertrauensleute. Auch die CSU
macht für sich Reklame unter dem Titel „Schaeffer". —
Das Haupt der „Feuerkrcuzler" Larocque stirbt. Im
Moskauer Revolutionsmuseum wird eine Abteilung zur
Ausstellung der Geschenke eröffnet, die Stalin bekommen

hat. Präsident Trunian erklärt den 12. Mai zum „Mutter-
tag" in Amerika. Mrs. Emma Clarissima Clement aus
Louisville wird zur „Ehrenmutter" der USA ernannt.
Durch die „Aktion Storch" werden 20 000 Berliner Kin-
der heimgeführt. — Frankreich lehnt die Verfassung ab
und Viktor Emanuel dankt ab. Die bayerische Königs-
partei wird aufgelöst und die Leiche Mussolinis gestohlen.
Um so produktiver erscheint die Leipziger Mustermesse
und die internationale Radarkonferenz in London, Max
Schmcüng muß 10 000 RM bezahlen, weil er sein neues
Haus schwarz baut. Vielleicht holt er in der zweiten
Runde auf.

Eröffnung der ersten Spruchkammer in Bayern; Beginn
des Tunnelbaues durch den Montblanc. Wer wird zuerst
fertig? Dr. Högner schreibt ein Rücktrittsgesuch, weil
er bleiben möchte. Der Großmufti Haj Amin el-Husseini
nimmt ein unbekannt gebliebenes Flugzeug, weil er nicht
länger in Paris bleiben will. Papen erklärt in Nürnberg:
„Ich bin kein Teufel im Zylinder." Gromyko legt Veto
in der Spanicnl'rage ein. CSU-Skandal in Würzburg.
Der Kanton Basel macht auch Fortschritte und lehnt das
Frauenwahlrccht mit 63 Prozent Stimmenmehrheit gegen-
über 71 Prozent i. Jahre 1927 ab. CSU-Skandal in
Vicchtach. Zwei Menschen machen indessen ihr Glück:
Pfeiffer wird Minister für Sonderaufgaben und „Mistin-
guette" heiratet einen italienischen Tenor. — Historischer
Bombenabwurf auf Bikini. Während die Welt noch dar-
über diskutiert, versammeln sich zum erstenmal seit 1939
die Wissenschaftler der „Marskommission" in Paris, um
ihre Erfahrungen über die dunklen Streifen au den Mars-
polen auszutauschen. 1946 wird doch noch zum Friedens-
jahr, denn die Ponca-Indianer schließen mit Deutschland
Frieden. Die übrigen Verhandlungen über Deutschland
werden zunächst für den Herbst festgesetzt. Amerika
bekommt.unterdessen seine erste Heilige und Shakespeare
erscheint in chinesischer Sprache. Außerdem wird ein
Viermächte-Ausschuß zur Bekämpfung von Gerüchten
gegründet. Nach dem Hochwasser in Südbayern beginnt
mit den Tagungen der „Verfassunggebenden" in München
sozusagen eine politische Hochflut. Oder ist es eine
Ebbe? Jedenfalls fließt hier der Cocktail zäh und
schwarz.

Dann werden allenthalben. Geburtstage gefeiert. Franco-
Spanien feiert seinen zehnten, Th. Th. Heine seinen 80.,
Bernard Shaw seinen 90. und London feiert Newtons
300. Auch 'die Vergangenheit wird in Bewegung gesetzt.
Gerhart Hauptmanns Sarg wird nach Berlin geschafft, dia
Särge Hindenburgs, seiner Frau, des Alten Fritz und der
seines Vaters fahren nach Marburg. Im übrigen ereignen
sich neue Zwischenfälle. In München geht es um die
Aerztekammer; jedoch bereichert sich die Medizin gleich-
zeitig um die Entdeckung des Erregers der Paradentose.
Ueber Schweden erscheinen Raketengeschosse. Flugzeug-
zwischenfall mit Jugoslawien. Die amerikanischen Marine-
attaches werden aus Rußland zurückberufen. Die USA-
Flotte kreuzt im Mittelmeer, die englische im Marmara-
meer. Die internationale Lage ist außerordentlich
gespannt. Inzwischen zeigt die Münchner Exportschau,
was wir am dringendsten brauchten. In Amerika beginnt

Forsetzung Seile 191

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Objekt
Titel: Der Simpl: Kunst - Karikatur - Kritik
Detail/Element: "Harte Arbeit"
Künstler/Urheber: Erber, Josef  i
Inv.Nr./Signatur: G 5442-11-5 Folio RES
Aufbewahrungsort: Universitätsbibliothek Heidelberg  i
Schlagwort: Satirische Zeitschrift  i
Karikatur  i
Herstellungsort: München  i
Bildnachweis: Der Simpl, 1.1946, Nr. 16, S. 190.
Aufnahme/Reproduktion
Urheber: Universitätsbibliothek Heidelberg  i
HeidICON-Pool: UB Der Simpl  i
Copyright: Universitätsbibliothek Heidelberg
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