Der Simpl: Kunst, Karikatur, Kritik — 3.1948

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HERBST GEDANKEN EINES BERUFSLYRIKERS

Kommt der Herbst, ist man verpflichtet,
Falls man schon beruflich dichtet,
Daß man nicht ganz ungerührt
Etwas wie Verwesung spürt.

Denn die Redaktion, die hat es
Gern, wenn man des welken Blattes
Sinnig als Symbol gedenkt
Und den Blick auf Höheres lenkt!

Ewig ist es zwar dasselbe:
Erst das Grüne, dann das Gelbe,
Dann das Braune, dann ist's aus,
Dann kommt wieder Grünes raus!

Jeder weiß, auf diese Weise
Dreht sich die Natur im Kreise,
Doch das Blümchen, das verblüht,
Geht nun mal so aufs Gemüt

Und die Blätter, die sich färben,
Reimen sich so schön auf „sterben",
Und ein Blatt, das abwärts fällt,
Reimt sich stets auf „müde Welt".

Ein paar leichte Nebelschwaden
Können nie der Stimmung schaden,
Auch die Krähe auf dem Ast
Gut zum düsteren Thema paßt.

Wenn ein Greis noch fröstelnd hustet,
Weil der Wind schon kälter pustet,
Wenn ein Friedhofstürchen knarrt,
Wird das Liedchen recht apart.

Schön mit Weltschmerz Übergossen
Wird der Schmarrn mal gern genossen,
Kurz der Herbst ist wunderbar
Schon von wegen Honorar! E.Kiotx

Steht da jemand in Lübeck auf dem Bahnhof:
in der linken Tasche Grieß — in der rechten
Tasche Grieß — im Halsausschnitt Grieß — Grieß
in den Schuhen und Grieß im Zigarettenetui.
Die Nase bleich, die Stirn gerötet, blaue Flecke
an Armen und Beinen. Die Ohren summen ■— die
Augen tränen — die Zunge ist belegt.
Auf dem Rücken einen Rucksack, linke Hand ein
Koffer und zwei Taschen, um den Hals ein
Bücherpaket, die Rechte umkrampft einen Bettsack.
Der Magen sitzt am Hals — das Herz in den
Hosen und die Lunge pfeift durch die Nasenlöcher.
Das Lübecker Bürgertum umschleicht verstohlen
diese Erscheinung. An sich verständlich, aber im-
merhin unangenehm, denn dieser Jemand bin ich!
Ich, Michael Schiff, Luftüberbrücker via Gatow—
Lübeck. Blenden wir zurück, was war geschehen
im Laufe dieses sonnigen Tages? Wie konnte ein
lebensfroher Mensch im Verlauf weniger Stunden
zum zittrigen Jammergreis werden?
U-Bahnhof Zoo: dreißig Kilo großes Gepäck,

zahlreiche Taschen, Päckchen und Pakete reißen
mich in die Unergründlichkeit des Schachts.
Verluste: ein Päckchen, ein Schuhband und drei
Nervenstränge reißen.

Deutschlandhaus Reichskanzlerplatz: ich zerre mich
und meine Habe eine schmale Treppe hoch, setze
mich oben auf einen Stuhl, nähe fünf abgerissene
Knöpfe wieder an und verlasse das Gebäude auf
dieselbe Weise, nur daß diesesmal der Koffer auf-
geht und aller Inhalt munter die Treppen her-
unterhüpft. •>

Man erklettert gemeinsam einen Bus, eine Dame
verliert das Gleichgewicht, stürzt in die Tiefe und
vernichtet einen Kinderwage"n nebst Inhalt.
Gatow: hat weitaus weniger zu bieten. Wir er-
klimmen nur wenige Stufen und werden in einen

„Was sagst du zu Truman? Dem Gallup ivird er schön stinken, daß er sich so vergallupiert hat!"

Raum gestopft. Die Papiere werden vorgelegt.
Krankheitsbescheinigung,Gesundheitsbescheinigung,
Abmeldebescheinigung, westdeutsche Anmelde-
bescheinigung. Einige Ausweise werden abgestem-
pelt und meinerseits dafür einige Meineide geleistet.
Flugplatz: in eine geradezu winzige Maschine
fliegen die Gepäckstücke, man selber hinterher,
alles zusammen wird verschnürt. Das Flugzeug
fällt zum Schwanzende etwas ab, der Boden ist
glatt und vorher war Grieß geladen — logische
Folge: ich rutsche immer wieder aus dem Flug-
zeug hinaus, das Gepäck folgt seinem Herrn und
läßt dabei einige Flugzeugbestandteile mitgehen.
Dreimal werde ich hintereinander verladen —
macht genau 56 blaue Flecke.
In der Luft: bis ich die Besinnung verlor, ereig-
nete sich folgendes: die Maschine hob sich von
der Erde ab, ein betagtes Großmütterlein hüpfte
von gegenüber auf meinen Schoß, die ersten
Magenschwankungen traten ein.
Höher in der Luft: drei Passagiere rollen sich
Papiertüten aus Berliner Presseorganen, die Luft
wird zusehends dünner, ich atme fünfmal hinter-
einander ein und nur einmal aus, nur um nicht zu
ersticken, was sich am Ende aber doch kaum ver-
meiden ließ. Ein Mann der Besatzung stellte
Wiederbelebungsversuche mit mir an — ich merkte
es, als mir die unterste Fehlrippe brach.
In den Wolken: das Flugzeug spielt Warenhaus-
lift. Erfrischungen — rums — zweiter Stock,
20 Meter in die Tiefe — Möbellager sechster
Stock — 40 Meter hochhinaus. Die männlichen
Fluggäste reißen sich gegenseitig die Hüte vom
Kopf, um darin ihre Kalorien zu entladen. Die
fliegende Weiblichkeit zieht Handtaschen vor.
In der Stratosphäre: die Erde wird immer win-
ziger, parallellaufend mit unserem Mut. Ich be-
fürchte einen Zusammenstoß mit dem Mond, reiße
an einer Notleine und eine geheimnisvolle Tür
macht sich auf — ein Fahrgast ist weniger an
Bord. Wir schlagen uns um sein Erbe.
Luftraum über Lübeck: die Maschine setzt zur
Landung an. Mein Magen setzt sich zum Halse
ab, das Herz rutscht in die Hosen. Die letzten
Frühstücksfragmente rutschen durch die Kabine.
Geister werden in Massen aufgegeben. Der Pilot
beabsichtigt sich mit der Maschine in die Erde zu
wühlen; Lübeck nimmt überdimensionale Formen
an . . . ich falle in Ohnmacht!
Eine gewaltige Erschütterung geht durch den
Raum, ich bekomme etwas zu fassen, packe zu,
reiße mich hoch, schleudere einen Schrankkoffer
von meiner Brust und da bin ich! Zwischen mei-
nen Händen halte ich den zerquetschten Brenn-
stofftank unserer Dakota.

Die Passagiere steigen aus. Ich werde von einigen
reinemachenden Weibern aus der Maschine gefegt-
Was an Gepäck in Reichweite liegt, nehme ich an
mich, es waren noch ein paar eigene Sachen dabei.
Lübeck, Zollstelle: man packt mich am Kragen
und schleift mich zu einem Schreibtisch. Und es
beginnt wieder von vorne. Bescheinigungen, Mein-
eide, Stempel. Langjähriges Training auf diesem
Gebiet gibt mir die Möglichkeit, alle Formalitäten
ohne jede geistige Bereitschaft durchzuführen.
Eine Art Schinderkarren — in Stadt und Land
Lübeck Bus genannt — bringt uns zur Bahn. Allen
Erwartungen zum Trotz soll ich dort lebend ein-
getroffen sein, was auch dadurch dokumentarisch
bewiesen sein soll, daß man mich wenige Zeit
später in völlig erschöpftem Zustand auf Bahn-
steig drei gesehen haben will.
Wenn aber böse Zungen behaupten, ich hätte diesen
Reisebericht geschrieben, so ist das völlig unwahr
— ich bin ganz gewiß auf der Strecke Lübeck—
Hamburg in die ewigen Jagdgründe eingegangen.
Die? allen nachfolgenden Luftreisenden zur War-
i nung. Michael Schiff

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Werk/Gegenstand/Objekt

Titel

Titel/Objekt
"Was sagst du zu Truman?"
Weitere Titel/Paralleltitel
Serientitel
Der Simpl: Kunst - Karikatur - Kritik
Sachbegriff/Objekttyp
Grafik

Inschrift/Wasserzeichen

Aufbewahrung/Standort

Aufbewahrungsort/Standort (GND)
Universitätsbibliothek Heidelberg
Inv. Nr./Signatur
G 5442-11-5 Folio RES

Objektbeschreibung

Objektbeschreibung
Bildunterschrift: "Was sagst du zu Truman? Dem Gallup wird er schön stinken, daß er sich so vergallupiert hat!"

Maß-/Formatangaben

Auflage/Druckzustand

Werktitel/Werkverzeichnis

Herstellung/Entstehung

Künstler/Urheber/Hersteller (GND)
Netzer, Remigius
Entstehungsort (GND)
München

Auftrag

Publikation

Fund/Ausgrabung

Provenienz

Restaurierung

Sammlung Eingang

Ausstellung

Bearbeitung/Umgestaltung

Thema/Bildinhalt

Thema/Bildinhalt (GND)
Karikatur
Satirische Zeitschrift

Literaturangabe

Rechte am Objekt

Aufnahmen/Reproduktionen

Künstler/Urheber (GND)
Universitätsbibliothek Heidelberg
Reproduktionstyp
Digitales Bild
Rechtsstatus
Alle Rechte vorbehalten - Freier Zugang
Creditline
Der Simpl, 3.1948, Nr. 22, S. 254.
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