Spranger, Peter P.
Historische Untersuchungen zu den Sklavenfiguren des Plautus und Terenz — Wiesbaden: Steiner [in Komm.], [1961]

Page: 571
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Historische Untersuchungen zu den Sklavenfiguren des Plautus und Terenz 571
trachtet wird. Da mehrere neue Untersuchungen sich eingehend mit dem
Gegenstand befaßt haben, dürfen wir hier von einer vollständigen Auf-
führung der einschlägigen Stellen absehen und uns mit einer Zusammen-
fassung der gesicherten Ergebnisse begnügen1. Nirgends wird in den
Tragödien des Euripides im Gegensatz zu den Sophisten das grundsätz-
liche Recht eines jeden Menschen auf Freiheit gefordert, nirgends eine
grundsätzliche Polemik gegen die Sklaverei als solche geführt. Obwohl
der Dichter mit ihrer Problematik vertraut ist, denkt er nicht daran, die
übliche Trennung der Menschen in Herren und Sklaven als widernatürlich
anzufechten. Worum es dem Dichter geht, wird vielleicht am besten
sichtbar aus den Worten eines alten, lebenserfahrenen Sklaven, der zwar
als Knecht geboren ist, aber wenigstens der Gesinnung nach ein Freier
sein möchte (Eur. Hel. 728ff.):
έγώ μέν ε’ίην, κεί πέφυχ’ όμως λάτρις,
έν τοΐσι γενναίοισιν ήριθμημένος
δούλοισι, τούνομ’ ούκ έχων έλεύθερον,
τον νουν δέ. κρεΐσσον γάρ τόδ’ ή δυοΐν κακοΐν
έν’ οντα χρησθαι, τάς φρένας τ’ έχειν κακάς
άλλων τ’ άκούειν δούλον όντα των πέλας.
Vergleicht man diese Sklavenworte mit der Dienstauffassung des Un-
freien in der älteren attischen Komödie2, so sind die neuen Töne nicht
zu überhören. Der δούλος γενναίος versucht durch treues, selbstloses
Dienen die innere Freiheit zu erlangen, die der Denkungsart eines freien
Menschen entspricht. Ähnlich läßt sich ein alter Diener im Ion vernehmen
(v. 854ff.):
έν γάρ τι τοΐς δούλοισιν αισχύνην φέρει,
τούνομα· τα δ’ &XD*. πάντα των έλευ-9-έρων
ούδέν κακιών δούλος, όστις έσ-9-λος ή.
Nicht die rechtliche Seite des Problems ist hier angerührt, sondern das
sittliche Problem der inneren Freiheit. Die äußere Knechtschaft bleibt
nach wie vor bestehen.
Von Euripides führen enge Verbindungslinien zur Neuen Komödie,
die als unmittelbares Vorbild der römischen Lustspieldichter in unserem
Zusammenhang genauere Beachtung verdient. Daß die individuelle Durch-
1 Literaturangaben in den oben S. 18 Anm. 1 und 2 genannten Untersuchungen;
hierzu auch Μ. Pohlenz, Griechische, Freiheit, Heidelberg 1955, S. 50ff.; W. Berin-
ger, Studien zum Bild vom unfreien Menschen in der griechischen Literatur von den An-
fängen bis zum Ende des klassischen Dramas, Diss. Tübingen 1956, S. 171ff. (Mschr.).
2 J. Vogt, a. O. S. 164ff.

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