Stephani, Ludolf
Der Kampf zwischen Theseus und Minotaurus: eine kunstgeschichtliche Abhandlung — Leipzig, 1842

Page: 59
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Dass man schon vor Ol. CXX in Kreta die ursprüngliche Gestaltung des Minotauros, die
Zusammensetzung aus der menschlichen Gestalt und dem Stierkopf, verlassen, indem man ihm die ganze
menschliche Gestalt gab, und dass sich diese Ansicht immer weiter und weiter verbreitet habe, haben
wir oben *) gesehen. Wir glauben jedoch, mit voller Zuversicht behaupten zu können , dass die bildenden
und zeichnenden Künstler nie auf diese Vorstcllungsweise eingegangen sind. Sie wussten zu gut, wo ihre
Grenze war. Sie wussten, dass sie dann nicht mehr hätten verstanden werden können. Und was hätte
sie auch zu einer solchen Bildung bewegen können? Was Anderes trieb sie zur häufigen Bildung des
Minotauros an, als das Ungeheure, Schreckenerregendc seiner Gestalt? Wurde also diese aufgegeben,
sank er zu einem gewöhnlichen Menschen herab, wie konnte er für diese Künstler noch irgend einen Reiz
haben? Auch ist uns nicht ein einziges Denkmal erhalten, welches uns nur das geringste Recht zu
einer solchen Annahme gäbe.

Vielleicht aber schlug man den entgegengesetzten Weg ein und bildete ihn ganz als Stier.
Einzelne Spuren einer solchen Vorstellungsweise ausser diesen Künsten lassen sich nachweisen. Die
oben s) angeführten Stellen zwar, in welchen er Tauros genannt wird, können dies, selbst wenn dieses
Wort nicht als Name, sondern als Bezeichnung des Wesens zu fassen sein sollte, so wie einige andere 3),
in welchen dies offenbar der Fall ist, nicht beweisen, da in ihnen allen nur eine Ungenauigkeit des
Ausdrucks zum Grunde zu liegen scheint. Allein dass Pausanias nicht recht wusstc, ob nicht etwa der
Minotauros ganz als Stier zu denken sei, und wohl selbst einen völligen Stier für einen Minotauros
ansah, werden wir unten nachweisen. Dieselbe Ansicht musste Plutarch4) haben, wenn er glauben
konnte, der Stier auf attischen Münzen sei des Minotauros wegen auf dieselben geprägt worden. Doch
berechtigt dies uns noch gar nicht zu der Annahme, dass je ein bildender oder zeichnender Künstler
diese Vorstellungsweise berücksichtigt habe. Vielmehr werden wir sie von dem Standpunkte aus, auf
welchen uns die uns bis jetzt aus dein Alterthum zugekommenen Nachrichten gestellt haben, als unstatthaft
zurückweisen und jene Vorstellungsweisen für Eigenthümlichkeiten dieser Schriftsteller halten müssen, da
dies nicht nur die einzigen Spuren bei allen Schriftstellern sind, sondern auch noch kein Bildwerk
aufgefunden ist, welches einer solchen Annahme auch nur den geringsten Grad von Wahrscheinlichkeit
verliehe. Denn dass dies jene attischen Münzen nicht thun, braucht kaum erst bemerkt zu werden.

Sonach konnte die ursprüngliche Gestalt des Minotauros nur noch auf eine Weise verändert
werden. Man konnte die Mischung festhalten, aber die Art der Mischung verändern. Man konnte dies
um so eher thun, da man es wirklich mit andern Wesen gethan hat, denen man ebenfalls eine aus dem
menschlichen und Stier-Körper zusammengesetzte Gestalt gegeben hatte. Der stiergcstaltige Dionysos,
der, wie die Untersuchung von Movers 5) zu hoher Wahrscheinlichkeit gebracht hat, ursprünglich gewiss
vom Baal-Moloch nicht verschieden war, hatte jedenfalls cbendesshalb anfänglich eine auf ganz gleiche
Weise gemischte Gestalt, das heisst, den menschlichen Körper mit völligem Stierhaupt, obgleich diese
Vorstellung weder bei Schriftstellern noch in Kunstwerken nachgewiesen werden kann. Hingegen kennen
wir an ihm sicher durch Schriftsteller und Bildwerke eine doppelte andere Mischung beider Naturen.

1) Siehe S. 23.

2) Siehe S. 29.

3) Nonn. Dion. 47, 399. xal ßot ravyov irixte. Plut. Vergl. des Thes.
n. Rom. 1. ehi tivi dtj^lvf ßoyüv. Eustath. zu Horn. Od. p. 1688, 'tö.xmxohvv
avtrj tqottov inOTixteTca, tm &i}oei', dt ov xal tov {hj^lov irfQtyfvrjCtttui

4) Thes. 25. "Exoyi di xu! vofiia^a ßovv eyxa(jä'icts r} diu tbv Muya-
öwviov ravQOv, ij diu tov Mivm vrycaijyöv -rj nQoq yimyyiav ruvg nokkua
nafjaxuXmv.

5) Phoenizier B. I. p. 32.r> fr. 371 ff.
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