Stuhlfauth, Georg ; Vigenère, Blaise de [Übers.]; Artus, Thomas [Übers.]
Die Bildnisse D. Martin Luthers im Tode — Weimar, 1927

Seite: 18
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Die Bildnisse v. Martin Lnthers im Tode.

Wie dem aber auch sei, als geschichtliches Dokument scheidet das Ge-
mälde sowohl für Lucas Furtenagel, dem es zugesprochen wird,
als auch für v. Martin Luther, den es im Tode wiedergeben will,
unter allen Umständen aus. Drei nüchterne Tatsachen sind es, die das Bild
des ihm unverdientermaßen zugebilligten Nimbus entkleiden und von denen
jede einzelne ausreicht, unsere Feststellung vollgültig zu beweisen. Jch nenne
als erste die, daß das Gemälde rechts unten die jüngst von Heinrich Böhmer
bemerkte, zuvor übersehene, aber deutlich sichtbare Jahreszahl 1574 aufweist?)
Die Frage, ob es Kopie nach Furtenagels Original, bleibt hiervon vorerst un-
berührt. Was man aber auch schon vor der „Entdeckung" der Jahreszahl 1574
hätte wissen können, ist die andere Tatsache, daß, wie sich im weiteren Ver-
laufe unserer Darlegungen zeigen wird, das hier verhandelte größere der
beiden Olgemälde in der Leipziger Universitätsbibliothek zum
mindesten bis in den Ausgang des 18., wahrscheinlich bis in die
Anfünge des 19. Jahrhunderts gar nicht als das Furtenagelsche
angesehen, ja überhaupt nicht bekannt war, sondern daß vielmehr
als Furtenagels Bildnis des toten Luther bis dahin das zuletzt ganz
verachtete kleinere der beiden Gemälde (Taf.XII —Abb.21) gegolten
hat?) Dazu kommt endlich als dritte die Beobachtung, daß das angebliche
Furtenagelbild den Reformator auf dem Bett liegend darstellt; in Wirklichkeit
aber hat Furtenagel den Toten so nie gesehenb), also so auch nicht zeichnen
oder malen können. Ob Furtenagel nur einmal (am 18. Februar) oder ob er
zweimal (am 18. und am 19. Februar) um die künftlerische Aufnahme des Ver-
storbenen sich bemühte^), ist hierbei völlig gleichgültig. Jenes größere Leip-
ziger Bild als das Werk Furtenagels, gemalt am Sarge Luthers, zu
bezeichnen und auszugeben, erweist sich also von drei an sich ganz
verschiedenen Seiten her als ein schlechthin unhaltbarer Jrrtum.

Es bleiben mithin als Erzengnis von Lucas Furtenagels Hand und Kunst
zunüchst nur bestehen die zwei Exlibris-Blätter mit dem Hallischen Stadt-
wappen, die der Meister im Jahre 1542 als Vorstoßblätter für den ersten und
den zweiten Band der zu Wittenberg dirrch Hans Lufft im Jahre 1541 gedruckten,
jetzt im Moritzburg-Museum bewahrten großen Lutherbibel^) der Ratsbibliothek
zu Halle a. S. mit Deckfarben und Gold auf Pergament gemalt hat und „die
wohl zu den prächtigsten Stücken der Art gehören" ^) (Abb. 4/5). Es sind zwei,

1) H. Böhmer a. a. O. S. 297. Siehe auch unsere Abbildung Taf. VI. An der Echtheit (Ur-
fprünglichkeit) der Zahl zu zweifeln, liegt keiue Beranlassung vor.

2) S. unten S.48ff.

3) S. oben S. t4 f.

4) S. oben S. 12 f.

5) P. Pietsch, Bibliographie der Drucke der Lutherbibel, die von 1542—1546 erschienen sind,
in: Weimarer Lutherausgabe, Die Deutsche Bibel, Bd.2, Nr. 68*, S. 634ff. 723.

6) Veröffentlicht und besprochen von Max Sauerlandt, Zwei Exlibris der Stadt Halle a. S.
von Lucas Furtenagel 1642, Exlibris, Buchkunst und angewandte Graphik 20, 1910, S. 1—4, mit
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