Stuhlfauth, Georg ; Vigenère, Blaise de [Übers.]; Artus, Thomas [Übers.]
Die Bildnisse D. Martin Luthers im Tode — Weimar, 1927

Seite: 43
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5. Zeitliche Eiiwrdimng imd Zuweisung der Bilder.

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machte und da nicht bloß einmal kopiert (Nr. 8), sondern wiederholt auch graphisch
vervielfältigt wurde (Nr. 12—14). Daß auch sie das gesuchte Urbild nicht ist,
ergibt sich allein schon daraus, daß dieses unmöglich der beiden Arme entbehrt
haben kann, die alle Totenbildnisse sonst im gleichen Schema mit äußeren Unter-
schieden von im ganzen für die Gesamtwirkung höchst geringfügiger Art dar-
bieten. Darin, daß der Künstler sie an der Karlsruher Tafel fortläßt, gibt er
seinem Bild einen einzigartigen Charakter; er fteht mit ihm völlig allein. Es
kommen andere Momente hinzuH, die es mit bezeugen, daß er der älteren Tra-
dition bereits freier gegenübersteht und in einer Zeit gemalt hat, die noch unter-
halb der Entstehung des großen Leipziger Bildes und zum mindesten seiner
früheren Kopien gelegen sein muß. Man wird das Bild nicht vor 1580 ansetzen
dürfen. Einer Nachbildung in alter Zeit ist es nicht gewürdigt worden.

Es bleibt als letzte Gruppe im Reigen unserer Schaubettbildnisse das Ge-
mäldepaar im Kestner-Museum zu Hannover und in der Sammlung des Kunst-
malers Prof. Schuster-Woldan in Charlottenburg?) Ehe wir sie auf ihre sach-
liche Bedeutung prüfen, ist es wichtig, an zwei äußerlichen Merkmalen zu er-
kennen und festzustellen, daß sie beide allen Schaubettbildern voranstehen. Diese
zwei Merkmale bietet uns der schwäbische Kittel. Sie liegen also auf dem Ge-
biete der Trachtengeschichte und der Mode, einem Gebiete, das im allgemeinen
unbestechlich sicher in seinen Fingerzeigen ist.

Nicht umsonst haben wir in unseren Beschreibungen der Bildwerke immer
wieder darauf aufmerksam gemacht, daß ein Unterschied besteht 1. in der Form
bzw. in der Herstellung, 2. in der Ausstattung des Totenkittels. Jn der Form:
hier sind die Armel eingenäht, dort treten sie ohne Naht aus dem Kittelgehäuse
hervor. Und in der Ausstattung: hier sitzt die kleine Halskrause unmittelbar
am Kittel, dort liegt zwischen ihr und ihm als Zwischenglied ein schmales, glattes
Bändchen, und in einem dritten Fall ist dieses Bändchen verbreitert und ge-
mustert. Diese Unterschiede in der Form sowohl wie diejenigen der
Ausstattung bedeuten in der mitgeteilten Reihenfolge zugleich
zeitliche Entwicklungsstufen. Wir finden es sofort bestätigt, wenn wir uns
an solche Bilder halten, deren Entstehungszeit gegeben ist und keinerlei An-
fechtung unterliegt. Wir brauchen hierbei kaum zu sremdem Material zu greifen.
Wir betrachten unter diesem Gesichtspunkt den Guldenmundtschen Holzschnitt
vom Jahre 1546: dem Kittel sind die Armel an den Schultern angenäht, die
Spitze sitzt unmittelbar am Kittel selbst. Das Leipziger Bildnis vom Jahre 1574
(und jede seiner Wiederholungen) hat den Kittel ohne Ärmelnaht, während noch
Melanchthons Totenbild vom Jahre 1560 eingenähte Ärmel hatb), und den Hals-
besatz erhöht durch Einschub eines schmalen, glatten Bandstreifens zwischen Kittel
und Spitze; zur dritten Stufe fortgeschritten stellt sich dieser Zustand schließlich dar

1) Siehe unten betreffs Kittelborde.

2) Jch bezeichne in diesem Abschnitt das Gemälde in Hannover zuweilen mit H, das Gemälde
in Charlottenburg mit C.

3) Abb. s. oben S.41 Anm. 1.
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