Stuhlfauth, Georg ; Vigenère, Blaise de [Übers.]; Artus, Thomas [Übers.]
Die Bildnisse D. Martin Luthers im Tode — Weimar, 1927

Seite: 44
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Die Bildnisse v. Martin Luthers im Tode.

in dem — nicht datierten — Karlsruher Bild, das den ungenähten Kittelrock
beibehält, die Halskrause aber durch Verbreiterung und Musterung des Zwischen-
streisens weiter ausgebildet hat?) Damit ist für die Frühdatierung der beiden
Gemälde des Kestner-Museums zu Hannover und des Kunstmalers Prof. Schuster-
Woldan zu Charlottenburg der objektiv sicherste Boden gewonnen, und ihrer
Ansetzung in das Jahr des Guldenmundtschen Einblattdruckes, also in das Todes-
jahr ihres Helden steht nichts im Wege.

Wie verhalten sie sich nun aber selbst zueinander? Jn welchem ursächlichen
und zeitlichen Verhältnis stehen sie beide unter sich? Jch hatte durch das außer-
ordentliche Entgegenkommen der Leitung des Kestner-Museums in Hannover
die große Gunst, beide nebeneinanderstellenund eingehend vergleichenzu können?)
Der Eindruck war überraschend. Um das Ergebnis vorwegzunehmen, sei es so-
gleich ausgesprochen, daß dem Hannoverschen Bilde die unbestreitbare Palme
gebührt. Daß C etwas größer ist, wurde bereits in der Beschreibung bemerkt.
Andere Unterschiede lassen sich schon aus den Abbildungen erkennen: die Außen-
schräge des rechten Oberarmes läust bei C erheblich steiler als bei H; dadurch
gelingt es dem Künstler von C, den ganzen rechten Arm auf seine Tafel zu bringen,
während er bei H von dem Rahmen stark überschnitten ist; auch von dem linken
Arm gibt C mehr als H; daß C über H hinaus auch die linke Hand samt Fingern
(nur ohne die Spitzen) zeigt, ist gleichfalls bereits in der Beschreibung gesagt;
es ist hinzuzufügen, daß auf H die Lippen des Toten weniger geschwellt sind als
bei C; und legt man eine gerade Linie durch den Mund der beiden Bilder, so
steht diese hier wagrecht, dort steigt sie nach links an; eine unverkennbare Schief-
stellung kommt dadurch bei H in die Mundführung, die C gänzlich unterdrückt
und gleichsam derb und verständnislos berichtigt; schließlich wird dem scharfen
Beobachter schon in der Abbildung auch das nicht entgehen, daß das Gesicht
Luthers auf H etwas mehr nach links gedreht ist als auf C. Es verschlägt an sich
nichts zugunsten oder ungunsten der Originalität, daß C mehr restauriert ist als H.
Jmmerhin ist auch dieses Weniger ein nicht zu unterschätzender Vorzug von H
gegenüber C; in der Tat ist letzteres, wie wohl schon die Einzeluntersuchung
lehrt, wie aber die Gegenüberstellung zwiefach deutlich macht, stark verneuert;
auch H ist „nachgebessert": die Hand, welche das Cranachsche Wappen aufgesetzt
hat, hat anch, ich darf daran erinnern^), einige Haare, namentlich am Schädel-
rand, tiefschwarz nachgezogen, also in einer Farbe, die sonst im Bilde gar nicht
mehr vorkommt; doch ist das Bild im ganzen offenbar intakt erhalten.

Die letzte und entscheidende Urteilsbildung aber ist weder aus der Einzel-
besichtigung der Gemälde noch auch aus der Betrachtung ihrer Abbildungen
zu gewinnen; sie ist erst möglich geworden in der Konfrontierung beider. Erst

1) Die graphischen Blätter späterer Zeit mit eingenähten Kittelärmeln (Nr. 10, Rr. II, Nr. 17,
Nr. 18) sind kein Gegenbeweis; sie zeigen nur, wie gewissenhaft sie sich an ihre älteren Vorlagen
gehalten haben.

2) Es war am 19. Mai 1926.

3) Bgl. oben S. 21 f.
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