Der Sturm: Monatsschrift für Kultur und die Künste — 4.1913-1914

Page: i
DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/sturm1913_1914/0208
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
gerade jetzt ausgesprochen hatte, über unsere
letbstverständliche und vollkommene Gebunden-
heit an Ursache und Wirkung, in allem, was diese
Welt betraf, die selber ja ausschließlich aus Ur-
sache und Wirkung bestand.

Kr entsannn sich auf einmal, daß er während
einer fast zwanzigjährigen, angestrengten Tätig-
keit als Schriftsteller wieder und wieder mit Hef-
tigkeit behauptet und einmal über das andere in
Gestalten die Wahrheit dieser Grundsätze veran-
schaulicht hatte, die für ihn ein unantastbarer, un-
umstößlicher, ein ganz elementarer Teil der Kennt-
nis von uns selbst und von unserem Leben waren,
Hahaha, und so weit war er gelangt! Hier stand
ein vortrefflicher Mann, ein aufgeklärter und hoch-
begabter Mann, ein trainierter Leser — und war
wie vorn Mond gefallen, als er hörte, daß derglei-
chen Dinge in den Büchern standen, die auch er
-gelesen hatte! Hahaha —: und dann fragte dieser
Mensch noch, voll Bekümmernis, was wohl aus
dieser Welt werden sollte, wenn dergleichen ge-
fährliche Lehren veröffentlicht würden!

Aber da hatte er wenigstens das Ergebnis da-
von, daß er sich so benommen hatte, wie er es
heute tat — du großer Gott, wie war es richtig
«and klug, das einzige Kluge, daß er niemals wäh-
rend dieser beiden Jahre direkt irgend jemand
verraten hatte, was in ihm vorgegangen war!
Aber, nicht wahr, in Zukunft sollte es wieder sein
wie bisher, von diesem Augenblick an sollte nie-
mand mehr erfahren, was sich da drinnen in
seinem tiefsten Innern lodernd und blutig und un-
aufhörlich regte!

Er wandte, rätselhaft barsch und ergötzt —
und zugleich, aus dem Allerinnersten heraus, auf
einmal unerklärlich verwundbar und heiß, langsam
sein Gesicht dem andern zu —:

„Die Kunst?! — fragte er, indem er die Ober-
lippe ein wenig in die Höhe zog, mit gedämpfter
und sehr klarer Stimme:

„Sie fürchten, daß die Kunst bankrott spielen
könnte — weil sie eine gefährliche, eine unge-
schminkte Wahrheit ausspräche?

„Sehen Sie! — fuhr er fort, noch schneller als
bisher, mit einer halblauten, einer zu gleicher Zeit
steinharten und zitternden Stimme —:

„Als Schriftsteller, in meinen Büchern — fühle
ich mich selbstverständlich ausschließlich als einer
unter allen, unsagbar nahe verwandt mit jedem
Beliebigen — in Fleisch und Blut nur ein einzel-
nes, typisches Glied in der ganzen, unabsehbaren
Reihe von Milliarden meinesgleichen!

Schlecht und recht verstandesmäßig dahin-
gegen ist in meinen Augen die Menschheit — und
sind ergo auch die sämtlichen vielen, die sich auf
die eine oder die andere Weise mit dem beschäf-
tigen, was in weitester Bedeutung unter dem Be-
griff Kunst zusammengefaßt wird — sind wir alle-
samt mit der größten Deutlichkeit in drei Gruppen
geteilt! in drei außerordentlich verschiedene
Klassen, wenn es auch glatte Uebergänge dazwi-
schen gibt —: Nämlich die Genies, die ganz ver-
einzelten Großen; die Talente, die hunderttausend
Fähigen; und endlich die zehntausend Millionen,
die die Menge ausmachen und zu allen Zeiten aus-
gemacht haben!

Erstens also die ungeheure, die maßlose Schar
von Durchschnittsindividuen! Von braven, kleinen
Frauen und Männern, die mit größerer oder ge-
ringerer Bereitwilligkeit, mit größerem oder ge-
ringerem Glück, die größeren oder geringeren
Aemter äusfüllen, mit denen sie, jeder für sich,
bestrebt sind, sich selbst und ihren Lieben das zu
verschaffen, was sie für den Lebensunterhalt als
notwendig erachten . . . und wodurch sie im übri-
gen, aber freilich ohne selbst es zu verstehen, Fuß
für Fuß, zugleich sich auch jenes Unsichtbare er-
obern, dieses Nicht-Wägbare und Nicht-Meßbare
— das die gemeinsame, die gewisse und schöne
Ernte eines jeden Daeins ist!

Zweitens — wie vorhin gesagt, wahrscheinlich
so ungefähr einer auf jedes Hunderttausend der
Namenlosen —: die mittlere Klasse! Die, die mit
irgendeinem praktischen Talent begabt, imstande
gewesen sind, unsere bürgerliche Gesellschaft auf-
zubauen, zu erhalten und beständig von neuem zu
verbessern und zu entwickeln! Den Staat, diesen
wunderbaren Mechanismus — im Prinzip,
wie auch in allen Einzelheiten bekanntlich eine
Kopie unseres eigenen Körperbaues — durch
dessen Arbeitseinteilung es möglich geworden ist,
jeden beliebigen Menschen (ganz gleichgültig, ob
er es selbst weiß oder nicht, ja, sogar selbst wenn
er wie auch die anderen, steif und fest das Ent-
gegengesetzte glauben oder wünschen!) dazu zu
bringen, sämtlichen andern zu helfen, indem er
sich selber hilft!

Und drittens endlich — auch hier wohl nur ein
Einzelner auf jedes Hunderttausend der mittlern
Gruppe —: diese Allergrößten! Die Vollkommenen
des Geistes, bei denen Sinne, Gehirn und Herz
in gleich hohem und unauslöschlichem Grad bren-
nen! unendlich gefühlvolle und unendlich tätige
Naturen — die darum Tag wie Nacht auf jenem
fernen Pol selber leben, wo alle einzelnen Züge
der Menschlichkeit, oder wenn Sie wollen, des Le-
bens, zusammenlaufen und zu einem werden! die
gewaltigen Hünen unserer Rasse, deren urtiefes
Ich stets von Kopf zu Fuß durchbebt wird von De-
mut und von Stolz über die Macht des Lebens, von
der seligen und heißen, der ekstatischen Kenntnis,
die sie mühelos seit der Stunde ihrer Geburt beT
sitzen, der Weisheit —: dem vollständigen, dem
allumfassenden, dem wahren und verheißungs-
reichen Wissen davon, was der Mensch ist — das
heißt, was das Leben ist! Der Weisheit, die mit
ihrem ganzen Umfang nur in dem Fleisch und Blut
dieser Allergrößten enthalten sein kann — die aber
in zahllose Einzelsummen zerspalten, gerade die

nutzbringende Idee selber in allen jenen prakti-
schen Veranstaltungen ist, die die handfertigen
Frauen und Männer der Mittelgruppe geschaffen
haben .— und wodurch alle drei Menschenklassen
sich Tag für Tag erwerben, was für ihre Existenz
notwendig ist! Die Weisheit, die trotz dem hart-
näckigen Widerstand, der ihrem ganzen Umfang
immer von den beiden andern Gruppen entgegen-
gestellt wird, doch auf jedem einzelnen Gebiet un-
abwendbar damit endet, zu siegen — eben weil sie
die einzigeii Mittel enthält, die zum Siege führend
Die einzigen, nicht nur für einen einzelnen Kreis
von Menschen, nicht allein für einen einzelnen
Punkt des Daseins, und nicht nur für eine einzelne
Periode des Ganges unserer Entwicklung — son-
dern für alles und alle, für Groß und Klein, aus-
nahmslos, jetzt wie auch in alle ewige kom-
mende Zukunft! weil die Weisheit gerade der
Sieg selber ist — für uns alle! . . .

Ja! t

So bildet die Menschheit sich dreigeteilt wie-
der — wie ein Triptychon, im Spiegel des Ver-
standes! -,f

Und nur von dieser letzten Klasse, ausschließ-
lich von diesen Letzten und Größten — stammt die
Kunst: der Lobgesang ihres Schmerzes und ihrer
Lust — ihres Lebens!

Kunst —: das heißt die Weisheit, in der strah-
lenden Form eines Menschenantlitzes kristallisiert!
Die Weisheit, entsprungen als voll ausgetragene
Pallas Athene, leibhaftig und wunderschön — aus
der Stirn des Höchsten!“

Er wandte, beständig mit gerunzelten Brauen,
unregelmäßigen Atemzügen, sein Gesicht dem an-
dern wieder zu, ohne zu sehen —:

„Nein!

Ganz gewiß!

Nicht ein einziger unter uns vermag irgend
etwas anderes zu tun, als wovon im voraus die
Möglichkeiten vorhanden waren, in seinem Wesen!

Unleugbar!

Aber —:

Gerade weil alles Menschliche bis auf die
letzten Fasern gemeinmenschlich ist — gerade dar-
um besitzen wir alle zusammen die schlummern-
den Dispositionen restlos zu allem! Darum ver-
mögen wir, mehr oder weniger, alle die andern an-
zustecken — mit dem, was nun einmal das Her-
vortretende in unserem eigenen Ich ist . . . und
also auch die hohen, die lichten Motive zu ver-
mehrtem Wachstum bei denen zu bringen, die uns
nahe kommen — in um so stärkerem Grade, je
stärker dieselben Kräfte bei uns selber flammen!

Verstehen Sie mich nun — fassen Sie jetzt, in
welcher Art jene vollkommene Kunst auf uns alle
einzuwirken vermag? Wie es in Wahrheit wirk-
lich möglich ist, das zu erreichen, was die Kunst
immer und allein will —: die Zärtlichkeit und den
Mut zu erwecken, die Hoffnung zu bringen, die
Abhärtung und den Siegerwillen aufflammen
zu machen, wie nie zuvor! Die rätselhafte und
strahlende Stärke anzufeuern, die sich verborgen
bei einem jeden vorfindet! Gleich der Sonne ist die
Kunst —: Mit ihrem Licht und ihrer Hitze treibt
sie alle Keime zum Wachstum, zur Reife in uns
allen! Gleich dem Leben ist die Kunst —: Sie ruft
mit tausenden seliger und gewaltsamer Stimmen
nach dem Menschlich-Uebermenschlichen. nach
dem schwindelnden Schönen, das tief drinnen in
einem jeden lauscht!“

Er schwieg eine Weile, schien plötzlich von
neuem irgendeine heisere und flüsternde Stimme
zu hören, die fortfuhr, ungedämpft da drinnen in
seiner Brust aufzusteigen, wieder und wieder ihr
wildes Kampfgeschrei bis an seine Ohren schleu-

295
loading ...