Der Sturm: Monatsschrift für Kultur und die Künste — 5.1914-1915

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SpÜtter von rasenden Sternen waren in Deinem

Haar

Ein herriiches junges Qliihen
Nener nie geahnter Himmei
Betäubte unsre seiigen Augen . .

Und Du und Ich: ein einziges Wort der Schöpfung!
Und Du und Ich: ein siißes Geheimnis des

Himmels!

* *

*

Und dann die rasenden Sommertage

Da wütend der Himmel an der Erde nagt

Und aus dem verborgensten Dunkel die giftigen

Hauche auferstehen

Und stoize ewige Wäider wie kieine fiebernde

Kinder sterben

Und das stoize Meer

Ein armer verdurstender heuiender Kranke ist . . .
Die rasenden Sommertage die am eigenen Qifte

sterben

Und die Nächte —

Das gräßiiche giäserne Auge des Irrsinns . . .

Da erwachte

Das alte häßiiche Biut

Die Rache des Bösen

Die so iange träge Jahrhunderte schiief —

Und der häßiiche böse mordende Qedanke
Den entfesseite Nächte großgezogen
Den brennende haßgiühende Sonnen gestiüt —
Der mordende böse Qedanke schrie auf
Und die verhaitene Wut bezwungener Stürme
Und die erstickten Fiüche brandender Weiien
Und die Qier

Die tückische heucheinde Qieer nach meinem

Biute . ..

O das harte Veriangen

Das in Deiiiem Biute schlummerte

Das schrie und keuchte und raste.

Das schreckiiche Rot geopferten Biutes
Begoß Deinen Bück . . .

O es war derseibe Biick

Der vor Jahrtausenden ein verbiutendes Herz

iiebkoste

Und die ietzten Schmerzen brechender Augen

tyank

Und sich

An die unendiich traurige Biässe einer stoizen

besiegten Stirne

So grausam und woüiistig schmiegte . .

O es war derseibe harte harte Biick —

Und eiu verheerendes Feuermeer

Goß sich iiistern vom Himmei iiber die Ende

Und uraite Bäume stöhnten in dem fiutenden Tod

Himmelhohe Berge stiirzten ins urgrundtiefe Eiend

Und vom Himmei gerissene Sterne

Tantzten auf periengebärendem Schäumen . . .

Aite tote Lieder weinten

Ueber dein aiiumfassenden Wirbei

Ueber dem aiizerfetzenden Sturme

Uebere der aiibeschmutzenden Stimme

Des aiten häßiichen Biutes

Der Rache des Bösen

Die so iange träge Jahrhunderte schiief . . .

O der Haß der wahnsinnige Haß
Der Dein heiiiges Biut peitschte!

Und der Haß griff mit tausend saugenden Armen
An meine Seeie

Und der giftberauschte Biick Deiner himmeitiefen

Augen

Wurde diese schäumende Wut

Und verheerte die Gärten meiner Seeie

Und bespie die gottgeborenen Blumen

Die in den tiefsten Kammern

Meines hoffenden wartenden biutenden Hirnes

Deines Kommens harrten . . .

O die aiten schiummernden Tage
Wurden wach in Deinem heiiigen Biute
Und die vergessenen Fieber
Schlangen sich um meine Seeie
Und Du

Die Du meine ewige

Meine vergöttücheude Sehnsucht warst

Du woütest meine Seele beschmutzen

In den abscheuiichen Schlamm

Den Qeschiecht auf Qeschlecht verzweifelt

durchwatet

In dem so unzählige Stralilen ertranken

In dem so viele Blumen starben

In diesen vergiftenden Schlamm

WoIItest Du meine trauernde Seele schleppen . . .

Und

Da mußte ich Deine Seele täten
Da mußte Deine ewige Flamme
sterben . . .

Oh ich mußte Deine ewige gottesähnliche Schön-

heit retten

Fiir mich — Heiüge Du!

4-

*

*

O Gott warum Iag dies harte Verhängnis
Ueber meinem armen Leben?

Sieh mein gebrocheuer Stolz fleht zu Dir . . .
Meine Seele ist bang —

Grausam sind die Wunder die Du ihr geschenkt

hast ..

Weltfernc Qlocken summen in die Nacht

Der Wald streut seine Seufzer auf mein wirres

Haar...

Meine Heilige ist tot...

Die Wehmut weiter Felder zittert um mich her
Und die bittre Trauer einsamer Qipfel
Und die heißen Schreie verirrter Vöge! —

Mein gebrochener Stolz erkennt Deine Wege:

Ich lege meine Stirne auf die arme Erde
Und laß sie meine Träneu trinken . .

* *

*

0 wie Dein Tod an meiner Seele nagt . .!

Ich kaure trauernd an Deinem Qrab

Die Träume meines Glückes

Liegen schwer auf meinem Hirne . . .

* *

*

0 Du!

Dich hat Dein Tod geheiiigt . .

Sieh auf meinen Schmerz!

Vom Osten zum Westen irrt mein einsames Leid

Und verfinstert den Himmel

Und wirft auf das Meer seine scnmerzende Trauer

Mein Leid um Dich

Mein Leid um Deinen Tod . . .

Aus meinen verzweifelten Stunden werd ich
Einen Kranz Dir winden
Meine kranke Sehnsucht soü ein Licht sein
Ueber Deinem Qrab —

Aber sieh auf meinen Schmerz! . . .

0 bette mich weich auf diesen endlosen Nächten
Leg Deine Iiebkosende Hand um mein armes

Herz —

Schenk mir Vergessen!

Ueberaü sucht mein fieberndes Hirn nach Dir
Nach Dir meinem Ursprung — nach Dir meiner

Voüendung

Ueberaü macht mich der Duft Deiner Seege krank
Ueberaü fühl ich die streichelnde Wärme Deiner

Augen

O schenk mir Vergessen Du —

Dich hat Dein Tod geheiligt

Dich hat Dein Tod zu den Sternen gehoben . . .

4c *

*

Ein unsagbar traurlges Singen war über unsrer

Liebe

Müde Stunden kreisten um unser Glück . ..

Deine Seele war so schwach und krank
An meine arme Seele gelehnt . .

Welke früh gestorbne Blumen fielen auf unsere

Stirnen

Hand in Hand gingen unsre einsamen Seelen
Und suchten Gott . . .

Ueber ferne, ferne Wege gingen unsere Seelen
Die Nacht goß ihren häßlichen Blick in unsere

Herzen

Die Sterne flohen furchtsam vor uns . .

Da wußt ich:

Gott ist nicht mehr mit mir . . .

4c *

4c

O Qeliebte ich bin Verzweiflung und Gebet . .
Meine müden Augen träumen Deine Trauer
Zwei schwankende Säulen sind meine flehenden

Arme

Die Stunde Deines Kommens weint . . .

0 komm!

Wie blutet Dein Siegel auf meinem Herzen!

O ewig meinen bleichen Schmerz auf Deinen

Händen zur Ruh!

* * <

In meinem Herzen singt Deine duftende Stimme
Mein banges Erwarten schleppt sich Dir entgegen
O meine kranke Liebe möchte Dein Haar

liebkosen

Und Deine herrlichen Augen küssen . . .

Und wieder singt Deine duftende Stimme in

meinem Herzen

Vergessene Kinderlieder streicheln meine Augen..
Da schaut mein totes Qltick tief mir in die Augen
0 wie das schmerzt!

Geüend zerbricht der Schrei meiner Angst an der

harten Nacht

Zu meinen Füßen stirbt eine kleine einsame

Welle...

# *

*

Und immer wieder zuckt Dein Sterben durch

meine Adern

Mein totes Wunder Du!

Oh warum mußt ich Dich töten — Heilige Du?!

4c

Zwei Qeschwistersterne waren unsere Leben
Warum verließest Du mich?

Zwei Blumen derselben göttlichen Wurzel
Warum sehnte sich Deine verderbende Pracht
So weit von mir weg?

4c 4c

4-

Gott — Du — und Ich!

Welch ein herrliches Qlück hätten wir drei

genossen!

In dem heiligen Tau der Osternacht hatten wir

unsere Seelen gereinigt
Neue herrliche Psalmen unserer Lust hatten wir

Ihm gesungen

Neue duftende Kränze unserer Träume
Hätten wir um Seinen Himmel gewunden —

Welch ein herrliches Glück hätten wir drei

gentossen

Qott — Du — und Ich

Aber in Deinem weltenrückten Rausche

Weinte die Stimme des Lebens

Weinte lange und quälend

Und wurde zu entsetzlichem Lachen

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