Der Sturm: Monatsschrift für Kultur und die Künste — 21.1932

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Betrieb
Herwarth Walden
Es wird gewählt. Das deutsche Volk politisiert sich. Immer
und nur, wenn gewählt wird. Da dieses Volksvergnügen seltener
stattfindet als der Karneval, sind Vorbereitung und Stimmung tun
so größer. Namentlich die Intellektuellen machen von sich reden
und reden. Sonst außerhalb der Karnevalszeit sind sie grundsätzlich
unpolitisch. Grundsatz ist bekanntlich das Zeichen des Charakters.
Von dem der große Dichter Paul Scheerbart die klare Erklärung
gab: Charakter ist nur Eigensinn. Aber die Intellektuellen haben
Charakter. Während des Karnevals. Unter Intellektuellen versteht
man die klassenlose Klasse der Menschen, die andern den Geist
einreden wollen, den sie nicht haben. Sie beschäftigen sich während
dieses Schlafzustandes mit den freien Berufen. Das sind die Berufe,
die viel Geld kosten, aber keins einbringen, wenn man keins hat.
Dafür ist die Beschäftigung interessant. Das Leben Gottes, das
Liebesleben Goethes, die Suche nach Bazillen, die Rechtsfindung
im Unrecht, die Ausgrabung alter Steinföpfe, die Beschilderung der
Natur nebst sämtlichen Lebewesen. Das sind so Berufe an sich.
Jetzt aber heißt es wählen. Alle sind Professoren. Kandidaten
sind aufgestellt oder stellen sich auf und alle Professoren können
prüfen. Sie wissen genau soviel von ihnen wie die Professoren, die
es auch außerhalb des Karnevals sind. Man liest von ihnen, man
hört von ihnen, sie werden von Künstlern oder Fotografen ver-
unbildet. Kurz, man macht sich seine Meinung. Der eine Kandidat
versprach und der andere verspricht. Gibt es eine schönere Zeit zui
träumen, als Karneval oder Wahl? Vergangenheit und Zukunft
werden lebendig. Zum Karneval gehört die Mode von gestern oder
von morgen. Nur nicht die schale Gegenwart Gestern und morgen
sind die ewigen Parolen. Parolen müssen sein. Ein letzter militä-
rischer Schimmer. Fahnen und Musik. Karneval.
*
Goethe ist vor hundert Jahren gestorben. Kultur. Die Schulen
werden geschlossen. Alle Vereinsvorsitzende dichten. Sämtliche
Regierungen halfen den Atem an. Die Literaturhistoriker reisen
zum ersten Mal. Maler und Dichter erinnern sich an ihre persön-
liche Begegnungen. Alle Blumengeschäfte in Weimar sind ausver-
kauft. In Frankfurt a. Main wird die Geburfssfätfe neu errichtet.
Studenten benehmen sich fausflich und trinken immer noch eins.
Mädchen werden immer noch wegen Abtreibung verurteilt. Der
gütige Goethe ließ als Sfaafsminister Kindsmörderinnen hinrichfen.
Weil Recht vor Gnade geht. Recht gehört zu den erwähnten freien
Berufen. Also kurz: Kultur. „Das Volk“ darf Goethes Werke

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