Südwestdeutsche Rundschau: Halbmonatsschrift für deutsche Art und Kunst — 1.1901

Page: 506
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„(Sie betraten bod) ntc£)t? brüllte ein Borgefet^ter. 216er e§
mar faft fcfjlitttmer, wie wenn er geheiratet t)ätte.

2lt§ er an btefem Jag in feine 2öot)nung tarn, fanb er bie
Bifitenfarten -be§ *ßaare§ vor, ba§ feinen Befud) gemacht hatte,
roärjrenb sJaemanb ju -paufe war.

2ltn 3Ibenb cor ber Trauung mürben |)err unb $rau $urd)-
tinger oon ber Braut, bie bei ihrer alten SDcutter roofjnte, einer
Jaffe STf)ee getaben. Sie füllten bort ben Bräutigam fennen lernen.
$rau 3)ora, bie, obroofjl äiemlid) roelf, bod) ertjebltc^ jünger mar,
al§ i£)r ©atte, mochte ben 2l(tersabftanb üteKeid)t einem jungen
Brautpaar gegenüber al§ befd)ämenb empfinben; 2öilb,elm $urcf)-
tinger Itel) fid) bafjer — übrigens ntcf)t ungern — ihren Ber-
fd)önerung§fünften. Sie, bie ebebem $ab,re lang fel)nfüd)tig bie
SMiffenroelt unb ihre Vertreterinnen umfdjnobert tjatte, raupte roofjt
roie man ergraute £>aare färbt unb f räufelt, bie Augenbrauen
fanft beftreicbjett unb Seberflecfen i£)re ©alle nimmt.

$m ©efüble feiner fonftruierten $ugenblict)feit betrat ber
Buchhalter mit feiner ©attin ba§ bräutlicrje |)au§. 2ld) wa§ mar
ba§ für ein Bräutigam: ganj jung, t;öcf)ften§ 25 $af)re alt, mit
einem Keinen abfidjtlicf) furj gehaltenen ©d)nurrbart: (Söarum
ba3 ? Slnbere Scanner finb auf lange Bärte ftol§?) ©r trug einen
überaus fnapp antiegenben engtifd)en 2lngug unb befaß einen
unenblid) ftf)laftfen rufftfdjen SKinbrauib, ber nod) obenbrein £)ora
hieß, roie $rau gurdjtinger. SJlit biefem Stier befd)äftigten fid)
bie Brautleute faft unau§gefegt. 9)land)mal lad)ten fie fid) an
unb meinten bamit irgenb etroa§. Sie maren aber roeber innig
nod) minnig, roeber oorbereitenb in fid) gelehrt nod) oernünftig
gefpmcTjig. Sie Ratten fiel) offenbar gar nid)t oiel p fagen,
fd)ienen if)r Berbättni§ roie eine längft abgemadjte unb felbftt>er-
ftänblid)e Sad)e $u behanbetn unb fpielten, roie bemerft, fortgefe^t
mit beut |)unb. roar §um neroö§ roerben. Sftan erfuhr fo
gut roie nid)t§. Manchmal fpradjen fie oon ber ^auptftabt, roo
fie fid) fennen gelernt hatten, oon feiner SKoImung, in bie er einfad)
feine Braut mitnehmen roürbe. $fyx festen biefe 2Bof)nung nid)t
einmal unbefannt gu fein; ja fie fottten fogar $rau S^ofenbrucf),
feine alte Söirtfd)afterin behalten. 3)ie jungen Seute fd)ienen einfach
nid)t §u roiffen, in roetd)en oerantroortung§reid)en Staub fie §u treten
roiUen«? roaren, fonbern machten fid) über $rau Stofenbrudj luftig,
oon ber bie Braut eigentlich mehr $üge fannte, al§ im Bereich
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