Thieme, Paul
Bhāṣya zu vārttika 5 zu Pāṇini 1.1.9 und seine einheimischen Erklärer: ein Beitrag zur Geschichte und Würdigung der indischen grammatischen Scholastik — Berlin, 1935

Seite: 198
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P. Thieme

5. Nagojibhatta (18. Jahrhundert).
Seinen Ruhm als Grammatiker verdankt Nagojibhatta vor allem
drei Werken: dem Uddyota1), einem Kommentar zum Pradlpa
und zum Mahäbhäsya, dem Laghusabdendusekhara2) einem Kom-
mentar zur Siddhäntakaumudi und dem Paribhäsendusekhara3),
einer Monographie über die grammatischen Interpretationsregeln,
die von Pänini nicht ausdrücklich gelehrt sind. Dies letztere Werk
ist durch Ivielhorn’s meisterhafte Übersetzung4) und Erklärung
allgemein zugänglich, und deshalb hervorragend geeignet als Ein-
führung in die Grammatik, wie sie in Indien betrieben wird, zu
dienen.
Der Ehrenplatz, den Nagojibhatta als der Begründer der ‘neuen’
Schule der indischen Grammatik hält, seine fast autoritative Gel-
tung bei den modernen Grammatikern5), kommt ihm mit Recht zu.

1) Zitiert Dach der Ausgabe von P. Sivadatta D. Kuddäla (Mahäbhäsya,
Bombay 1917).
2) Zitiert nach der Ausgabe von Narahari SästrI Pendse, Benares 1927ff.
(Abgekürzt = LSS.)
8) Ed. Kielhorn, Bombay 1868. (Abgekürzt: PS.)
4) Paribhäsendusekhara, Part II: Translation and Notes, Bombay 1873 ff.
5) Natürlich versucht man auch, über ihn hinauszukommen und seine Ge-
danken fortzuentwickeln. Die Freude am ‘Zerbrechen’ (khandana) früherer Lehr-
meinungen — eine Kunst, die Näg. erfolgreichst in seiner Kaiyata-Kritik ent-
wickelt hat — und am Beseitigen von Unstimmigkeiten durch interpretatorische
Spitzfindigkeiten (phakkikä) ist, namentlich in Benares, auch heute noch lebendig.
Wer sich von der modernsten Richtung einen Begriff machen will, mag sich in
die Vijayä vertiefen, den beliebtesten Kommentar zum PS.
Ich gebe je ein Beispiel für ein ‘Zerbrechen’ und einen Interpretationskunst-
griff. — a) Einige Grammatiker meinen, der Grundsatz, daß ein Augment (ägama)
ein Teil des Elementes wird, zu dem es hinzugefügt wird, und deshalb bei Nen-
nung des augmentlosen Elements auch das Element mit Augment genannt ist
(Paribh. 11), komme nicht in Anwendung, wenn es sich um ein Augment zu einem
Laut handelt. Näg. zu Paribh. 11 verwirft diese Ansicht, da sie drei Bhäsya-
stellen widerspreche (vgl. Translation p. 57 ff.), und begnügt sich lediglich mit der
Feststellung, daß Paribh. 11 keine allgemeine Gültigkeit hat. Die Vijayä sucht nun
zu zeigen, daß die von Näg. angezogenen Bhäsyastellen anders zu interpretieren
seien, und jene Ansicht doch zu Recht bestehe.
b) Die Bemerkung Näg.’s zu Paribh. 6: dädivisaye tu sarvädesatvam vinänu-
bandhatvasyaiväbhävenänupürvyät siddham „Insoweit da usw. in Frage kommen,
ergibt sich aus der Reihenfolge [der grammatischen Operationen] (daß sie für das
ganze Original und nicht für seinen letzten Laut substituiert werden), insofern
der Name ‘anubandlia’ überhaupt nicht vorhanden ist, solange dä usw. nicht für
das Ganze substituiert sind“, steht im Widerspruch zu seiner eigenen xinsicht (vgl.
Translation p. 34 Anm. 1 Abs. 2), die im LSS (zu Pän. 7.1.17, p. 281) und bei Kiel-
horn 1. c. auseinandergesetzt ist. Man interpretiert den zitierten Satz deshalb,
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