Ungewitter, Georg Gottlob
Details für Stein- und Ziegel-Architektur im romanisch-gothischen Style: e. Vorlagewerk f. Architekten, Steinbildhauer u. Schulen — Berlin, 1890

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Vorwort.

Gross ist die Zahl der über sogenannte schöne Architectur erschienenen, theils ausgefdhrte Werke grosser Meister, theils hlosse
Entwürfe umfassenden Werke. Gross auch ist der Einfluss, den sie auf die handwerklichen und insbesondere baulichen Ausführungen
der letzten Jahrzehnte ausgeübt haben, so dass man zu der Erwartung berechtigt ist, als oh ein gewisser Grad von vorgeschrittener
Kunstbildung, wenigstens im Vergleiche zur jüngst vergangenen Zeit, herrschend sein müsse. Und dem ist auch so in gewisser
Hinsicht, oh aber die Richtung, welche diese Kunstbildung in dem Bauwesen genommen hat, eine gute und wahre zu nennen, ist
wohl sehr zweifelhaft. Wenn sie wahr wäre, wäre sie auch gut, aber das Grundübel ist eben, dass die meisten der heutigen Aus-
führungen aller Wahrheit bar und ledig sind, dass fast Jeder in dem Style, der ihn wohl mehr der schönste, als der angemessenste
dünkt oder, wenn wir die gewöhnlichen Bauausführungen bürgerlicher Wohnhäuser betrachten, in dem, der dem Publikum am besten
gefällt, arbeiten will. Von einer Benutzung des Materials ist dabei wenig die Rede. Es giebt auch fast nur mehr ein Handwerk,
welches berechtigt ist, die dem Auge am Aeusseren sichtbaren Bautheile auszuführen, und das ist das des Putzmaurers. Danach
richten sich Alle, selbst die Steinhauerarbeit wird jetzt häufig so gemacht, als ob sie nur eine Nachahmung, ein Ersatzmittel für
den Putz sein sollte. Gebaut wird fast überall auf die gleiche Weise, geputzt aber auf sehr verschiedene. Der Gang der Sache
ist der, dass man meistens eine schlichte Mauer mit viereckigen oder anders geformten Fensteröffnungen aufführt und dann nach
Liebhaberei mit allerhand schönen Sachen beschmiert, beklebt und benagelt. Dass aber darin eine Herabwürdigung einer so heiligen
Kunst, welche sich auch durch Wirkungslosigkeit der also ausgeführten Gebäude rächt, liegt, das lässt sich wohl schwer in Abrede
stellen. Das Uehel also ist da, aber eben so nahe auch die Erlösung, wenn man sie nur mit Ernst und Eifer verdienen will. Aus
der Vergangenheit stehen uns noch so viele der erhabensten Werke da, deren Beleuchtung uns eben den Unwertli unserer heutigen
Bauweise zeigt, und nur in einem Anknüpfen an diese Vergangenheit, an die Werke des deutschen Mittelalters, liegt die Möglichkeit,
dem gesunkenen Bauwesen wieder zu frischer Blütlie zu verhelfen. Was nützen alle Entdeckungen des neuen Styles, wenn in den
Werken der Alten so unendlich Vieles enthalten ist, was wir erst neu zu entdecken haben, wenn es überhaupt schon eine bedeu-
tende Lebensaufgabe ist, sich nur erst auf den Standpunkt der Gewissenhaftigkeit und Kunde zu heben, von welchem aus die Alten
ihre Werke geschaffen haben.

Es ist auch schon viel geschehen, um uns das Mittelalter näher zu rücken, nur nicht so recht in handwerklicher und
baulicher Rücksicht.

Es ist von sehr geringer Wichtigkeit, ob man bei einer heutigen Ausführung ein Gebäude gothiscli oder byzantinisch oder
griechisch putzt und mit entsprechenden Ornamenten beklebt, von um so geringerer, weil man bei einiger Ueberlegung finden wird,
dass der einer Putzausführung am besten anpassende Styl gerade wegen seiner Willkürlichkeit der Zopfstyl ist. Deshalb ist eine
Nachahmung der Aeusserlichkeiten an alten Werken ohne dieselbe Uebereinstimmung mit der Art der Hervorbringung, wie sie da
vorkommt, eher nachtheilig. Aber von sehr grosser Wichtigkeit würde es sein, wollte man zu einer Bauausführung dieselbe Ge-
wissenhaftigkeit und Treue, dieselbe Achtung vor dem Handwerk, dieselbe Verachtung jedes blos äusseren Effectes mitnehmen, Avelche
selbst aus den geringsten Theilen der alten Werke hervorleuchten, und dadurch wird man von selbst auch auf eine dem Mittelalter
entsprechende Eormenbildung kommen.

Vor allen Dingen also muss man die alten Bauwerke studiren, aber nicht mit dem modernen Pürwitz, der bei jedem ober-
flächlich angesehenen Theile einen Triumph feiert und denkt, das könne man jetzt besser machen, sondern man muss daran gehen
mit dem rechten Glauben, der alles daran Vorkommende auf die Gewähr der alten Meister hin annimmt und die Sicherheit in sich
trägt, dass hei vorgeschrittener Kunde das erst unrichtig Scheinende gerade das redendste Zeugniss ablegen wird der hohen Voll-
kommenheit der alten Arbeiten.

Es geht aus dem Gesagten hervor, dass mit Herausgabe dieser Blätter keineswegs die Lieferung von Musterzeichnungen
verbunden sein soll. Wir müssen uns vor der Anmuthung solcher Meinung verwahren, wenn die Unmöglichkeit dieser Absicht nicht
schon daraus hervorginge, dass das Werk blos weltliche Arbeiten umfasst, und ohne Zugrundelegung der kirchlichen Architectur
keine weltliche möglich ist. Es sollen vielmehr diese Blätter nur Versuche sein, die Aufgaben, welche die weltliche Baukunst stellt,
mit möglichst genauer Berücksichtigung des jedem Material und jedem Handwerk Angemessenen zu lösen und somit nur die Lust
erregen, die Werke des Mittelalters mit Eleiss und mit der Absicht der Nachfolge zu studiren. Sie sollen gewissermassen den Weg
zu den Quellen weisen, die nach Gottes weisem Rathe in Deutschland noch so reichlich fliessen, dass sie Jedem, der Verlangen
danach trägt, zu klarem alten Weine werden.

Der Verfasser.

Stein- und Ziegel-Arcliitektur von G. G. Ungewitter.
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