Vitruvius; Rode, August [Transl.]
Des Marcus Vitruvius Pollio Baukunst (Band 1) — Leipzig, 1796 [Cicognara, 738A]

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ERSTES KAPITEL.

Baukunst und Eisen sc haften eines Baukünstlers,



Die Baukunst ist eine, mit vielerley Kenntnissen und mannich-
faltiger Gelehrsamkeit ausgeschmückte, Wissenschaft, welche sich
mit Geschmack die Werke aller übrigen Künste zu eigen macht.

Sie besteht aus der Ausübung —fabrica — und aus der
Theorie — ratiocinatic. — Die Ausübung ist eine durch Nach'
denken und state Übung erworbene mechanische Fertigkeit, ans
jeder Art von Materialien ein Gebäude nach vorgelegtem Risse auf-
zuführen. Die Theorie aber ist die Geschicklichkeit, die, mit Kunst
und nach den Grundsätzen des guten Verhältnisses — proportio —
aufgeführten, Gebäude zu erläutern und zu erklären. Es haben
daher diejenigen Baukünstler, welche oline gelehrte Kenntnisse blofs
nach mechanischer Fertigkeit gestiebt haben, nie mit ihren Arbeiten
Ruhin erworben: diejenigen aber, weiche sich lediglich auf die
Theorie und ihre gelehrten Kenntnisse verlassen haben, scheinen
hinwiederum den Schatten für den Körper ergriffen zu haben. Allein
diejenigen, welche beydes gründlich erlernet und also gleichsam in
voller Rüstung ihren Zweck verfolgt haben, haben denselben auch
desto eher mit Ehren erreicht. -

Gleichwie in allen Sachen, so sind besonders auch in der Bau-
kunst folgende zweyStücke begriffen: Das, so da angezeigt wird,
und das, so da anzeigt.
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