Volksgemeinschaft: Heidelberger Beobachter, NS-Zeitung für Nordbaden — 6.1936 (Juli bis Dezember)

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Lsits 3

„Vollsgemeinschast"

Dlcusms. dcu LU. Oklodcr ruÄlt

Llnwetterkatastrophe an -er Ostsee

Kleinbahnzug vom Gturm umgeworfen — Lte-erflutung -er Küstengebiete

den. So stieß bei „Elbe HI" der schwedische Damp«
fer „Groveland" mit dem deutschen Dampser
„Hansa" zusammen. Ersterer wurde nur unerheb,
lich beschädigt. Der 1700 Bruttoregistertonneij
grotze Dampfer „Lübeck" wurde vom Sturm gegen
den Bug eines holländischen Schisfes getrieben und
erheblich beschädigt. Der Holländer hat anscheinend
keinen Schaden genommen.

Kiel, 19. Oktober

4>er auhergewöhnlich schwere Nordwest, der Sonn-
und Montag in ganz Nordwcstdeutschland
E"bte nnd orkanmätzige Stärke erreichte, hatte a»
b°r schlcswig-holsteinischen Westküste eine so schwere
bturmslut zur Folge, wie sie seit Jahrzehnten nicht
rrreicht ist. Der Wasserstand erreichte Höhen, die
Ausmatz der höchsten bekannten Sturmflut
ubertrafen.

. Die schwere Sturmflut hat naturgemätz erheb-
"chen Schaden an den Hochwasserschutzbauwerken
A der Westküste Schleswig-Holsteins angerichtet.
l^lte und neue Bauten sind gleichermatzen in Mit-
jrrdenschaft gezogen worden. Die Schäden am Deich
Neufelder Koogs, in der Eegend von Büsum
Md am Nordstrander Damm sowie auf der Jnsel
^Olt stnd grotz, jedoch haben die Deiche und Vau-
cherke dem „Blanken Hans" standgehalten. An den
?euen Kögen sind grötzere Schäden nicht entstanden,
ldsbx^^tzere hat die Eider-Abdämmung bei Nord-
leld diesem ersten mächtigen Anprall h'ervorragend
nandgehalten. Selbst in den noch im Ausbau be-
llndlichen Deichen unterhalb der Abdämmung sind
Ane Eefahrenpunkte entstanden. Einzelheiten lie-
Mn noch nicht vor.

. Auf der Jnsel Rügen warf der Sturm zwi-
Aen den Stationen Trent und Vittower Fähre den
^leinbahnzug Bergen-Altenkirchen um. Zwei Per-
wNenwagen, zwei Eüterwagen und der Packwagen
Mrden von der Gewalt des Sturmes aus den
^chienen aeworfen. Sieben Personen find dabei
^tcht verletzt worden. — Jn Greifswald hat
Ziegelbedachung der Marienkirche stark ge-
"lten.

Hunderle Hektar Land überschwemmt

» 8m Euderhand-Vrertel im Alten Lande ist am
^anntagnachmittag der Lühedeich gebrochen. Ob-
ö^hl die Einwohnerschaft schon stundenlang die
lldwacheren Deichstellen mit Sandsäcken verstärkt
^?tten, entstand durch den ungeheuren Wasserdruck
"s. Loch, das sich sofort auf mehrere Meter ver-
Vvtzerte. Eine Frau Holff,,die gerade ein auf dem
stehendes Haus verlassen wollte, wurde von
einbrechenden Wassermassen erfatzt und fort-
^Nsten. 2hr Mann konnte sich an einem Vaum
!°>thalten, die Frau wurde später im Felde tot auf-
Uunden. Die Vevölkerung eilte sofort an die
^ubruchsstellen. Bauern und Mühlenbesitzer mutz-
sämtliche verfügbaren Säcke hergeben, während
»"e Lastkraftwagen Sand heran'schafften. Von
damburg und Stade wurden Truppen an-
ZEfordert, die alsbald eintrafen. Erst nach
^ui^enlanger Arbeit konnte die Eesahr gebannt

Vei Hechthausen in der Mark Klint gingen ge-
gen 1S Ühr die Wassermassen der Oste über die
Deiche. Auch hier brach der Deich, und in einer
Vreite von SO Meter stürzte das Wasser mit riesi-
ger Eewalt in das Vinnendeichland. Viele hundert
Hektar Kulturland wurden in wenigen Stunden
meterhoch Lberschwemmt. Die Ziegeleien
im Kehdinger und Stader Autzendeichland wurden
durch die Hochwassermassen schwer geschädigt. Das
Wasser lief in die Brennöfen und löschte das Feuer
aus. Grotze Mengen gesormter Steine wurden in
den Trockenhäusern überflutet, aufgeweicht und un-
brauchbar gemacht.

Stralsund ohne Waffer

Der Sturm in der Ostsee hat in Stralsund
ebenfalls schweren Schaden angerichtet. Nicht nur

Emden, 19. Oktober

llnter dem Orkan, der auch a» der Nordsee
tobte, haben besonders die Jnsel Borkum und Nor-
derney gelitten. Aus Norderneq zerstörten ge-
waltige Sturzseen streckenweise die Steinbrüstung
der Brandungsmauer und rissen grotze Löcher in
die dahinter liegendcn Nasenslächen. Die am West-
strand gelegcne Viktoria-Halle und die Terrasse
wurde teilweise zerstört. Fast einen halben Meter
dicke Steinmauern wurden eingcdrückt und umge-
rissen. Schwere Sturmschäden wurden auch im Lrt
selbst an einzelnen Bauwerken angerichtet.

Am Nordstraud der Insel Borkum risten ge-
waltige Brecher zwei grotze Breschen in die Ufer-
befestigungen. Schwere Vetonplatten wurden los-
gelöst und übereinandergeworfen.

Ungeheure Wassermasten wurden in die Ems
und Leda gedrückt. Bei Leerort wurde ein Wasser-
stand von 2,20 Meter über normal gemessen. Bei
Tammingaburg und Nettelburg wurden die Deiche
überflutet und die neben den Deichen führenden
Stratzen aufgerissen.

Der 68jährige Landwirt Schwartau, der eine
Landstelle in Dradenau bei Waltershof besitzt,
wurde auf der 2agd vom Hochwasser überrascht. Er
kam vom Weg ab und stürzte in einen Eraben, in
dem er den Tod fand.

das Vollwerk ist gebrochen, auch,Licht- und Fern-
sprechleitungen würden zerstört. Der Fahrbetrieb
nach Rügen mutzte eingestellt werden. Die Kraft-
wagen versuchten daher über den Rügendamm zu
gelangen. Da aber die Fahrbahn noch nicht be-
triebsfähig ist, Slieben sie zum Teil bis an die
Achsen im Lehm stecken.

Das Signalboot am Rügendamm wurde voll-
gcschlagen und ging unter. Am Moutagfriih brach
das Hauptrohr der städtischcn Wasserleitung.
Die Ursache ist wahrscheinlich auf llnterspülung zu-
rückzuführen. Das ausströmende Wasser über-
schwemmte die angrenzenden Stratzen. Die ganze
Stadt ist scitdem ohne Wastcr. Städtische Strahen-
sprengwagen sahren durch die Stratzen und geben
Wasser iu zugeteilten Mengen an die Bevölkerung
ab.

Weitere Todesopfer der Sturmflut

Die verheerende Sturmflut, die am Sonntag
das gesamte Kllstengebiet heimsuchte, hat noch ein
weiteres Todesopfer gefordert. 2n einer Laube bei
Eeesthelle in der Nähe von Geestemünde wurde ein
Mann ertrunken aufgefunden. Es soll sich um einen
früheren Schiffskoch handeln, der vermutlich auf
seinen Laubengrundstück eingeschlafen und dann in
den eingedrungenen Fluten ertrunken ist.

2n Altenbruch südöstlich von Cuxhaven wurde
der 27jährige Sohn des Landwirts Älbert Reesch
ein Opfer der grotzen Ueberflutungen. Er wurde
beim Abtreiben der Tiere von der Weide von einer
grotzen Flutwelle erfatzt und davongetragen.

Nie Schiffahrt ruht

Am Sonntag wurde im norddeutschen Küsten-
gebiet durchschnittlich Windstärke 11 bis 12 ge-
messen. Die See war ties aufgewühlt. Dic Schiff-
fahrt ruhte vollständig.

2m Hamburger Hafen erreichte das Waster eine
Höhe von reichlich drei Meter über mittle-
rem Hochwasser. Die ganze Hafengegend war
unter Hochwasser gesetzt. Die Feuerwehr war un-
ablässtg bemüht, die vollgelaufenen Keller auszu-
pumpen. Allein in der Elbmündung beim Feuer-
schiff „Elbe III" lagen am Sonntagäbend rund 40
Fahrzeuge, die besseres Wetter abwarten wollen.

Auch Schifssunfälle sind bereits gemeldet wor-

Zehnfache Gistmörderin festgenommen

Aufsehenerregende Vergiftungsasfaire in Lüttich

LLttich, 19. Oktober

Jn Lüttich wurde eine aufsehenerregende Ver-
giftungsaffaire aufgedeckt, der die Staatsanwalt-
schaft durch eine anonyme Anzeige auf die Spur
kam. Unter dem Verdacht, zehn Personen durch
Eift getötet zu haben, wurde die 45jährige Frau
Veckers festgenommen, die ein Zimmer an der Rus
Gendarmerie bewohnte. Frau Beckers, eine ehe-
malige Modistin, knüpfte Beziehungen zu älteren
kränkelnden Frauen an, denen fie Hilfe von ihren
Leiden durch einen von ihr bereiteten Tee ver-
sprach. Verschiedentlich nahm sie Darlehen der alten
Frauen in Anspruch. Jn verschiedenen Fällen ver-
anlatzte Frau Beckers die von ihr behandelteu
Frauen, ihr testamentarisch Teile ihres Vermögens
zukommen zu lasten. Unter verdächtigen Umstände«
sind im Laufe der letzten Zeit zehn von Frau Bek»
kers verpflegte Frauen gestorben. Die Staats»
anwaltschaft veranlatzte die Untersuchung der Lei»
chen der auf dem Fricdhof in Lüttich begrabeneir
Frauen. Hierbei wurden tödliche wirkende Arsen»
mengen festgestellt.

22 Todesopfer des
nordilalienischen Erdbebens

Rom. 19. Oktober

Bei dem Erdbeben in Oberitalien sind nach
ergänzenden Berichten 22 Menschen ums Leben
gekommen. Der Sachschaden ist in der Provinz
Belluno recht beträchtlich. Eegen 150 Wohnbäuser
find zusammengestürzt. Am Sonntag kurz nach
22 Uhr und am Montagvormittag gegen 9 lltzr
wurden Nachbeben versvürt. die die Bevölkerung
von neuem beunruhigten, aber keinen weitereu
ernsten Schaden angerichtet haben. Die Bergungs-
arbeiten find in vollem Gange. Man befürchtet.
datz noch einige weitere Opser unter den Trüm-
mern begraben liegen.

Begnadigung durch den Zührer

Berlin. 19. Oktober

Der Führer und Reichskanzler hat die gege«
die am 28. März 1917 geborene Erna Schneide»
aus Herda vom Schwurgericht in Eisenach am
13. Mai 1936 erkannte Todesstrafe im Gnaden-
wege in eine Zuchthausstrafe von 15 Jahren um»
gewandelt. Die nicht vorbestraste Verurteilte hatt«
am 29. Januar 1936 ihren Verlobten ermordet.
weil sie gegen ihren Willen zur Heirat gedrängt
wurde und bei ibrer Iugend in seelischer Der»
wirrung keinen anderen Ausweg finden zu könne»
glaubte.

(Letzte Drahtmeldungen Seit« 13)

Gturmschäden auf den Nordseeinseln

Zahlreiche Oeiche und Häuser zerstört

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