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DIE BIBLIOTHEK WARBURG UND IHR ZIEL
Von Fritz Saxl
Das Problem der Bibliothek Warburg ist die Frage nach Aus-
breitung und Wesen des Einflusses der Antike auf die
nachantiken Kulturen. Ich möchte vom Persönlichen ausgehen
und zu zeigen versuchen, wie Warburg zur Stellung seines Problems
kam, welche Wege er zu dessen Bearbeitung und Lösung selbst ein-
schlägt und anderen gezeigt hat.
Warburgs Vorbild war Jakob Burckhardt. Von Burckhardt, dem
aller bloße Attributionismus der Kunstgeschichte zuwider war, dessen
reifstes Werk — die weltgeschichtlichen Betrachtungen — nicht
kunstgeschichtliche sind, hat Warburg vor allem gelernt, die Kunst-
geschichte in weitem Rahmen zu betrachten. Burckhardts Erbe tritt
Warburg an, wenn er die Bibliothek eine kulturgeschichtliche genannt
hat, und wenn er sie in so vielem als eine Renaissancebibliothek ge-
staltet; das Verständnis für die Renaissance verdankt Warburg ihm
in erster Linie. Durch Burckhardt lernt er in ihr jene Periode erblicken,
in der der menschliche Geist zur Freiheit gelangt. Burckhardt folgt
er geschichtsphilosophisch, wenn er danach strebt, den Reichtum der
historischen Erscheinungen ohne aprioristische Formel zu erfassen,
wenn er die Einzelpersönlichkeit sucht, nicht das Gesetz der Welt-
geschichte.
Und doch wurde Warburg kein Nachfolger Burckhardts, sondern
ein Fortsetzer. Burckhardts Einfluß wird gekreuzt und abgelenkt durch
den Einfluß anderer, vor allem Nietzsches.
So sehr Nietzsche von Burckhardt abhängig ist, so sehr steht er
doch auch im Gegensatz zu ihm. Burckhardt will wertfreie, geschicht-
liche Bilder malen, Nietzsche ist das „wertende Tier". Sieht Burck-
hardt im Antiken das Apollinische überwiegen, so Nietzsche das Dio-
nysische.
Der Begriff des Dionysischen ist es, der das Denken des jungen
Warburg erfüllt und ihm seine Richtung gibt. Auch er sieht in der
Zeit Raffaels ein Menschheitsideal von höchster Reinheit und Klar-
Vorträge der Bibliothek Warburg ! I
 
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