DER BEGRIFF DER SYMBOLISCHEN FORM
IM AUFBAU DER GEISTESWISSENSCHAFTEN
Von Ernst Cassirer
I.
Wenn ich den Versuch wage, im Rahmen dieser Vorträge, ein
Thema zu behandeln, das nicht geschichtlicher, nicht speziell-kultur-
wissenschaftlicher, sondern systematisch-philosophischer Art ist, und
das daher über den Kreis der Aufgaben, die die Warburgsche Biblio-
thek sich stellt, hinauszugreifen scheint, so wird ein solcher Versuch
der Begründung und Rechtfertigung bedürfen. Ich glaube diese Be-
gründung nicht besser geben zu können, als dadurch, daß ich von dem
persönlichen Eindruck spreche, den ich bei der ersten genaueren Be-
kanntschaft mit der Bibliothek Warburg empfangen habe. Die Fragen, die
ich in diesem Vortrag im knappsten Umriß vor Ihnen behandeln möchte,
hatten mich damals seit langem beschäftigt: aber nun schienen sie gleich-
sam verkörpert vor mir zu stehen. Ich empfand aufs stärkste, was in
dem Einführungsvortrag dieses Zyklus gesagt worden ist: daß es sich
hier nicht um eine bloße Sammlung von Büchern, sondern um eine
Sammlung von Problemen handle. Nicht das Stoffgebiet der Bliblio-
thek war es, das diesen Eindruck in mir erweckte; sondern stärker als
der bloße Stoff wirkte das Prinzip ihres Aufbaus. Denn hier waren die
Kunstgeschichte, die Religions- und Mythengeschichte, die Sprach-
und Kulturgeschichte offenbar nicht nur nebeneinandergestellt, sondern
sie waren aufeinander und auf einen gemeinsamen ideellen Mittel-
punkt bezogen.
Diese Beziehung selbst scheint freilich auf den ersten Blick rein
geschichtlicher Art zu sein: es ist das Problem vom Nachleben der
Antike, das — wie der einleitende Vortrag entwickelt hat — den Ge-
samtaufbau der Bibliothek beherrscht und das ihr ihr charakteristisches
Gepräge verleiht. Aber jedes geistesgeschichtliche Problem birgt,
wenn es in wirklicher Weite und Tiefe gestellt wird, zugleich ein
allgemeines systematisches Problem der Philosophie des Geistes
in sich. Die Zusammenschau, die Synopsis des Geistigen kann sich
IM AUFBAU DER GEISTESWISSENSCHAFTEN
Von Ernst Cassirer
I.
Wenn ich den Versuch wage, im Rahmen dieser Vorträge, ein
Thema zu behandeln, das nicht geschichtlicher, nicht speziell-kultur-
wissenschaftlicher, sondern systematisch-philosophischer Art ist, und
das daher über den Kreis der Aufgaben, die die Warburgsche Biblio-
thek sich stellt, hinauszugreifen scheint, so wird ein solcher Versuch
der Begründung und Rechtfertigung bedürfen. Ich glaube diese Be-
gründung nicht besser geben zu können, als dadurch, daß ich von dem
persönlichen Eindruck spreche, den ich bei der ersten genaueren Be-
kanntschaft mit der Bibliothek Warburg empfangen habe. Die Fragen, die
ich in diesem Vortrag im knappsten Umriß vor Ihnen behandeln möchte,
hatten mich damals seit langem beschäftigt: aber nun schienen sie gleich-
sam verkörpert vor mir zu stehen. Ich empfand aufs stärkste, was in
dem Einführungsvortrag dieses Zyklus gesagt worden ist: daß es sich
hier nicht um eine bloße Sammlung von Büchern, sondern um eine
Sammlung von Problemen handle. Nicht das Stoffgebiet der Bliblio-
thek war es, das diesen Eindruck in mir erweckte; sondern stärker als
der bloße Stoff wirkte das Prinzip ihres Aufbaus. Denn hier waren die
Kunstgeschichte, die Religions- und Mythengeschichte, die Sprach-
und Kulturgeschichte offenbar nicht nur nebeneinandergestellt, sondern
sie waren aufeinander und auf einen gemeinsamen ideellen Mittel-
punkt bezogen.
Diese Beziehung selbst scheint freilich auf den ersten Blick rein
geschichtlicher Art zu sein: es ist das Problem vom Nachleben der
Antike, das — wie der einleitende Vortrag entwickelt hat — den Ge-
samtaufbau der Bibliothek beherrscht und das ihr ihr charakteristisches
Gepräge verleiht. Aber jedes geistesgeschichtliche Problem birgt,
wenn es in wirklicher Weite und Tiefe gestellt wird, zugleich ein
allgemeines systematisches Problem der Philosophie des Geistes
in sich. Die Zusammenschau, die Synopsis des Geistigen kann sich



