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DAS NACHLEBEN DER ANTIKEN FORMEN
IM MITTELALTER
Von Adolph Goldschmidt.
Unter der antiken Kunst verstehen wir diejenige bildnerische Äuße-
rung, die sich in den östlichen Gegenden des mittelländischen Meeres,
auf den Inseln, an der ionischen Küste und auf der griechischen Halb-
insel entwickelt hat, und die, von den Römern aufgenommen, durch
die Kaiserzeit weitergeführt wurde. Ihre Lebenskraft war im Schwin-
den, ebenso wie die Religion sich schon zersetzt hatte, als mit dem
Christentum eine neue Lebensauffassung sich über die Erde zu ver-
breiten begann.
Für die antike Kunst war der menschliche Körper der Gegenstand
schöpferischer Sehnsucht. Seine Schönheit suchte man in höchster Ab-
klärung zu erfassen und schuf aus ihr das Bild der Götter. Alle Be-
wegungen, die man beobachtete als Ausdruck einer Handlung, hatten
nur dann eine Darstellungsberechtigung, wenn sie zugleich einen Schön-
heitswert besaßen. Das im Leben Geschaute wurde stets etwas künst-
lerisch Geformtes, und so sehen wir durch das Medium ihrer Kunst
die Griechen als eine Schar edler, ideal gestalteter Menschen vor
unseren Augen, und ihr Tun und Handeln tritt uns entgegen als ein
Gebaren in vornehmer Haltung und kraftvoller Schönheit. Alles, was
sie außer dem Menschen bildeten, erhielt einen Schönheitswert, der
sich der menschlichen Erscheinung anpaßte.
Dieser Grundzug des schöpferischen Triebes ging verloren, als
man unter dem Einfluß des Christentums alles Erdenleben geringer
bewertete. Der Blick auf das Transzendentale löste den Zusammen-
hang des optischen Eindruckes der irdischen Dinge, und nur das Be-
deutsame an der Existenz der Objekte haftete in der Vorstellung des
bildenden Künstlers. Es genügte, wenn das Bild einen Gedankeninhalt
aussprach, und um diesen zur Anschauung zu bringen, mußte man
leicht deutbare Formen wählen, in die man sich nicht hineinzufühlen
brauchte, sondern die wie eine Schrift abgelesen werden konnten. Für
diese Bildworte nahm man nun zwar die in der Antike entwickelten
Formen, aber man betrachtete sie nur nach ihrem sachlichen Aus-
 
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