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DÜRER, ITALIEN UND DIE ANTIKE
Von Gustav Pauli.
Seit Warburgs Untersucliungen über Dürers Verhältnis zur Antike
sind zur Lösung dieses Problems in letzter Zeit, namentlich von Erwin
Panofsky, wertvolle Einzeluntersuchungen beigetragen worden, so daß
es mir heute vergönnt sein darf, einen Überblick zu gebend)
Wie stellt sich unser Problem dar? Es handelt sich nicht um das
Verhältnis Dürers zur antiken Kunst, wie sie ihm in einzelnen Denk-
mälern durch die Vermittlung italienischer Zeitgenossen nahegebracht
wurde. Unser Thema ist weiter. Es handelt sich vielmehr um das
Verhältnis der spätgotischen deutschen Kunst zur antik-italienischen,
um Konflikt und versuchten Ausgleich zweier gegensätzlicher Form-
prinzipien, die sich beide in Dürer verkörpern.
Man nennt Dürer wohl den größten deutschen Künstler, obschon
es andere gegeben hat — sogar im Zeitalter Dürers —, die ihm in
diesem oder jenem Betracht überlegen waren. Wenden wir aber auf
ihn das Wort „bedeutend“ an, das in keine andere Kultursprache mit
gleichem Gewichte zu übersetzen ist, so erscheint er uns freilich als
der bedeutendste von allen. Denn bei keinem anderen bedeutet das
Leben und Schaffen des einzelnen symbolhaft so sehr den Schicksals-,
weg der Kultur seines ganzen Volkes. Dürer steht an einer Wende des
europäischen Geisteslebens. Was deutsche Kunst zu seiner Zeit ver-
mochte und wollte, wie sie der aus dem Süden sieghaft herandrängen-
den Renaissance begegnete, um ihr zu entnehmen, was sie sich an-
zugleichen vermochte, das stellt sich in Dürer als ein individuelles Er-
lebnis dar. Nun gibt er uns aber nicht nur das Paradigma für eine
einzelne kulturhistorische Krisis, sondern zugleich für eine überhisto-
rische Gegensätzlichkeit, die mit der menschlichen Kunstbegabung ein
für allemal verknüpft ist.
l) A. Warburg, Dürer und die ital. Antike. Verh. d. 48. Versammlung deutscher
Philologen und Schulmänner in Hamburg. Leipzig 1906. — Derselbe, Der Eintritt des
antikisierenden Idealstils in den Umkreis der Frührenaissance. Vortrag im Kunsthist. In-
stitut. Florenz April 1914. (Manuskr. in der Warburgbibl.) — E. Panofsky, Jahrb. d.
preuß. Kunstslgn. XLI. 1920. 359 und Jahrb. f. Kunstgesch. I (XV) 1922. 43.
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