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EROS UND MINNE
Von Eduard Wechßler.
Eros und Minne, Platon und Alighieri: die Fragestellung kann ver-
wundern. Denn jeder weiß, daß der Florentiner weder den Phaidros
noch das Symposion des Atheners kannte. Nur der Timaios, so wird
angenommen, war ihm in der Kürzung und Erläuterung des Chal-
kidios zur Hand gekommen.1) Nur als Naturphilosoph, nicht als Leh-
rer und Meister des Aristoteles, nicht in der ganzen Breite und Tiefe
seines Denkens war ihm Platon bekannt geworden. Für Dante, den
Schüler des Thomas von Aquino und alter kirchlicher Gotteswissen-
schaft, galt der Stagirite, nicht der Athener, als der eine „Philosoph“
vor allen andern. Als treuer Aristoteliker setzte sich Dante an mehr
als einer Stelle mit Platon, dessen Größe er noch nicht abzuschätzen
wußte, tadelnd auseinander.
Er ahnte nicht, wie er in seiner letzten Tiefe mit dem verwandten
Geist zusammentraf. Auch Platon wollte Erzieher seines Volkes werden
und bestimmte sein Denken nach sittlich-staatlichen Erwägungen und
Zwecken. Auch Platon blickte rückwärts nach einer verklärten Vor-
zeit und wehrte sich mit heiligem Eifer gegen einen Wandel, der
neuen und niederen Schichten die Verantwortung und Entscheidung
im Staate überließ. Auch Platon erhoffte von einem frommen Weisen
auf dem Thron, daß er die Rückkehr zum Adel der Gesinnung durch
eigenes Vorbild und Herrscherkraft bewirken werde.
Auch der Athener erkannte wahres Sein und wahre Wirklichkeit allein
den geistigen Wesenheiten zu, die den Menschen und Dingen dieser
Welt erst Wert und Würde, Rang und Dauer leihen. Auch der Athener
erkannte im unermüdeten Streben nach echter Weisheit des Menschen
höchste Pflicht und höchstes Recht. Auch der Athener schätzte vor
aller andern Dichtung religiöse Lyrik, die unseren Willen erziehen und
unsere Seelen bilden kann, und wollte nichts von Dichterfabeln wissen:
und so empfing auch Dantes Commedia aus solchem heiligen Anhauch

i) Vgl. Bulletino della societä dantesca XIV, S. 207—210.
 
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