ZEUS
Von Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff.
Im Jahre 1808 machte der junge Fr. G. Welcker in Heidelberg
dem damals berühmten Professor Creuzer seine Aufwartung. Er war
auf der Heimreise von Rom, wo er dem Ehepaar Humboldt als Er-
zieher ihrer Kinder nahegetreten war und viel mit dem großen däni-
schen Gelehrten Zoega verkehrt hatte. Creuzer, der in allen Religionen
den Nachhall einer tiefen orientalischen Weisheit fand, war des Todes
erstaunt, als der junge Mann ihm sagten er hätte vor, eine Geschichte
der griechischen Religion zu schreiben. In diesem Plane des Jüng-
lings liegt viel mehr, als was der Greis in seiner griechischen Götter-
lehre durchgeführt hat. Denn er bezeichnete der Wissenschaft die Auf-
gabe richtig, die freilich in absehbarer Zeit schwerlich eine Lösung
finden wird, welche der Religion und der Geschichte gleichermaßen
Genüge tut, so eifrig auch gerade jetzt betrieben wird, was sich Re-
ligionsgeschichte nennt.
Als Welcker seine Götterlehre herausgab, schmerzte es ihn tief,
daß sein Hauptsatz keinen Glauben fand; er suchte zu zeigen, daß
dem Gewimmel zahlloser Götterpersonen ein gewisser Monotheismus
vorausgegangen wäre, und der erhabene Urgott sollte Zeus sein. Diese
Ansicht erklärt sich nur so, daß Welcker noch von Anschauungen
beherrscht war, die sich überlebt hatten, der natürlichen Religion der
Aufklärungszeit und der Symbolik Creuzers. Hinzu kam, daß die mitt-
lerweile entdeckte Urverwandtschaft der indogermanischen Sprachen
zu der Annahme einer indogermanischen Urreligion geführt hatte und
die Etymologie sich vermaß, alle Götternamen zu deuten, womöglich
aus dem Indischen, und mit der Etymologie den Inhalt des betreffen-
den Gottesbegriffes zu erschließen. Bedeuten sollten die Götter ziem-
lich alle etwas Leuchtendes oder doch irgend etwas Elementares; Sonne
und Mond z.B., obwohl die Griechen selbst bemerkt hatten, daß der
Kult dieser Himmelskörper unhellenisch war. Außerdem hielt man
sich gern an die Göttermythen, die man auf Natursymbolik zurück-
vorträge der Bibliothek Warburg III I
Von Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff.
Im Jahre 1808 machte der junge Fr. G. Welcker in Heidelberg
dem damals berühmten Professor Creuzer seine Aufwartung. Er war
auf der Heimreise von Rom, wo er dem Ehepaar Humboldt als Er-
zieher ihrer Kinder nahegetreten war und viel mit dem großen däni-
schen Gelehrten Zoega verkehrt hatte. Creuzer, der in allen Religionen
den Nachhall einer tiefen orientalischen Weisheit fand, war des Todes
erstaunt, als der junge Mann ihm sagten er hätte vor, eine Geschichte
der griechischen Religion zu schreiben. In diesem Plane des Jüng-
lings liegt viel mehr, als was der Greis in seiner griechischen Götter-
lehre durchgeführt hat. Denn er bezeichnete der Wissenschaft die Auf-
gabe richtig, die freilich in absehbarer Zeit schwerlich eine Lösung
finden wird, welche der Religion und der Geschichte gleichermaßen
Genüge tut, so eifrig auch gerade jetzt betrieben wird, was sich Re-
ligionsgeschichte nennt.
Als Welcker seine Götterlehre herausgab, schmerzte es ihn tief,
daß sein Hauptsatz keinen Glauben fand; er suchte zu zeigen, daß
dem Gewimmel zahlloser Götterpersonen ein gewisser Monotheismus
vorausgegangen wäre, und der erhabene Urgott sollte Zeus sein. Diese
Ansicht erklärt sich nur so, daß Welcker noch von Anschauungen
beherrscht war, die sich überlebt hatten, der natürlichen Religion der
Aufklärungszeit und der Symbolik Creuzers. Hinzu kam, daß die mitt-
lerweile entdeckte Urverwandtschaft der indogermanischen Sprachen
zu der Annahme einer indogermanischen Urreligion geführt hatte und
die Etymologie sich vermaß, alle Götternamen zu deuten, womöglich
aus dem Indischen, und mit der Etymologie den Inhalt des betreffen-
den Gottesbegriffes zu erschließen. Bedeuten sollten die Götter ziem-
lich alle etwas Leuchtendes oder doch irgend etwas Elementares; Sonne
und Mond z.B., obwohl die Griechen selbst bemerkt hatten, daß der
Kult dieser Himmelskörper unhellenisch war. Außerdem hielt man
sich gern an die Göttermythen, die man auf Natursymbolik zurück-
vorträge der Bibliothek Warburg III I


