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PLATONISMUS UND MITTELALTER1)
Von Ernst Hoffmann in Heidelberg.
Was der Lehre Platons von der ersten seiner Schriften an, die
einen eigenen philosophischen Lehrinhalt geben und nicht mehr nur
Sokrates porträtieren will, d. h. vom Gorgias an, ihren Eigencharakter
gibt, ist eine Art Zerspaltung und Zerklüftung des Weltganzen, welche
sich behauptet und erhält, obwohl andererseits ohne Zweifel das schein-
bar entgegengesetzte Streben, zum Begriff einer unzerstückelten To-
talität zu gelangen, ein ebenso maßgebendes Motiv in der Entwicklung
Platons abgegeben hat. Doch beide Tendenzen konkurrieren nicht mit-
einander auf gleicher Basis; was sie grundwesentlich unterscheidet,
ist dies: daß jene Zerspaltung (Chorismos) überall in den Platonischen
Dialogen den methodischen Ausgangspunkt bildet und schon grund-
sätzliche Voraussetzung der Debatten ist, während der Begriff einer
umfassenden und kontinuierlichen Totalität nirgends am Anfang, son-
dern immer erst am Ende steht.
Was besagt die Zerklüftung?
Im Gorgias muß der Gegner z. B. zugeben, daß es zwei in der
Wurzel voneinander verschiedene, ja einander entgegengesetzte Arten
menschlicher Tätigkeiten gibt: die eine sei nichts als die auf bloßer
Routine (ipißn), auf bloßer Sammlung von Erfahrungen des Augen-
scheins beruhende Ausübung eines Tuns; Platon nennt sie „Empeirja".
In schroffem Gegensatz aber zu ihr steht das auf Kausalerkenntnis
beruhende Sachverständnis, die „Techne“. Der Gesichtspunkt, unter
dem z. B. ein Arzt Speisen herrichtet, empfiehlt und verabfolgt, ist
etwas grundsätzlich Verschiedenes gegen den Gesichtspunkt, den der
Koch verfolgt; ein Kochbuch und ein ärztliches Kräuterbuch sind
sozusagen literarisch für Platon Vertreter zweier polar entgegenge-
setzter Welten. Und der Unterschied des Sachverständnisses gegen

i) Auf Veranlassung der Leitung der Bibliothek Warburg erscheint der Vortrag
hier in teilweise stark erweiterter Fassung und unter Beigabe einiger Nachweisungen
im Anhang. Alle Details aber müssen einer größeren Publikation vorbehalten bleiben.
Vorträge der Bibliothek Warburg III 2
 
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