COLA DI RIENZO
UND SEIN VERHÄLTNIS ZU RENAISSANCE UND
HUMANISMUS
Von Karl Brandi in Göttingen.
In Richard Wagners Oper ist Rienzo die ideale tragische Figur, die
zugrunde geht im Widerstreit mit den realen Mächten der Barone, des
Volkes und der Kirche.1) Im Bunde mit der Kirche hatte er begon-
nen; er wollte das alte Rom und das heilige Rom herstellen und befrieden.
Als er die Orsini und Colonna bei einem Abenteuer überraschte, fuhr er
sie an:
Das alte Rom, die Königin der Welt,
Macht ihr zur Räuberhöhle, schändet selbst
Die Kirche; Petri Stuhl muß flüchten
Zum fernen Avignon; — kein Pilger wagt's,
Nach Rom zu ziehn zum hohen Völkerfeste.
Im Bunde mit der Kirche ist Rienzo den Nobili überlegen, so lange
er sich stützt auf die Idee der Stadt und die Masse des Volks. Er führt
das Volk zum Friedensschwur, zur Einung, und läßt sich's danken:
Befreier, Retter, hoher Held!
Rienzi, höre unsern Schwur! —
Wir schwören dir, so groß und frei
Soll Roma sein, wie Roma war;
Ein neues Volk erstehe dir,
Wie seine Ahnen groß und hehr.
In unerschütterlichem Glauben scheint Rienzo an seiner Sache und am
Volke zu hängen. Allein im entscheidenden Augenblick ist er weder ein
reiner Vertreter der Idee, noch der Mann des Papstes, noch die unan-
greifbare Verkörperung von Macht. Auf der Höhe des Erfolges läßt er
sich durch Fürbitte erweichen; die Gewährung ist der bühnenmäßige
Ausdruck innerer Schwäche, mangelnder Klarheit gegenüber der Umwelt.
Das Volk wird irre, blickt auf die fremden Gesandten, blickt auf den
päpstlichen Legaten, der den Tribunen als unbotmäßig bannt. Die
i) Richard Wagner, Gesammelte Schriften und Dichtungen, herausgegeben von
Wolfgang Golther, Berlin o. J. I, I3f., S. 32—89. — Robert Petsch, Das tragische
Problem im „Rienzi" (Zeitschrift für Philosophie und philosophische Kritik, 128, 44h.)
UND SEIN VERHÄLTNIS ZU RENAISSANCE UND
HUMANISMUS
Von Karl Brandi in Göttingen.
In Richard Wagners Oper ist Rienzo die ideale tragische Figur, die
zugrunde geht im Widerstreit mit den realen Mächten der Barone, des
Volkes und der Kirche.1) Im Bunde mit der Kirche hatte er begon-
nen; er wollte das alte Rom und das heilige Rom herstellen und befrieden.
Als er die Orsini und Colonna bei einem Abenteuer überraschte, fuhr er
sie an:
Das alte Rom, die Königin der Welt,
Macht ihr zur Räuberhöhle, schändet selbst
Die Kirche; Petri Stuhl muß flüchten
Zum fernen Avignon; — kein Pilger wagt's,
Nach Rom zu ziehn zum hohen Völkerfeste.
Im Bunde mit der Kirche ist Rienzo den Nobili überlegen, so lange
er sich stützt auf die Idee der Stadt und die Masse des Volks. Er führt
das Volk zum Friedensschwur, zur Einung, und läßt sich's danken:
Befreier, Retter, hoher Held!
Rienzi, höre unsern Schwur! —
Wir schwören dir, so groß und frei
Soll Roma sein, wie Roma war;
Ein neues Volk erstehe dir,
Wie seine Ahnen groß und hehr.
In unerschütterlichem Glauben scheint Rienzo an seiner Sache und am
Volke zu hängen. Allein im entscheidenden Augenblick ist er weder ein
reiner Vertreter der Idee, noch der Mann des Papstes, noch die unan-
greifbare Verkörperung von Macht. Auf der Höhe des Erfolges läßt er
sich durch Fürbitte erweichen; die Gewährung ist der bühnenmäßige
Ausdruck innerer Schwäche, mangelnder Klarheit gegenüber der Umwelt.
Das Volk wird irre, blickt auf die fremden Gesandten, blickt auf den
päpstlichen Legaten, der den Tribunen als unbotmäßig bannt. Die
i) Richard Wagner, Gesammelte Schriften und Dichtungen, herausgegeben von
Wolfgang Golther, Berlin o. J. I, I3f., S. 32—89. — Robert Petsch, Das tragische
Problem im „Rienzi" (Zeitschrift für Philosophie und philosophische Kritik, 128, 44h.)



