DIE KUNSTLEHRE DER FRÜHRENAISSANCE
IM WERKE MASACCIOS.
Von Jacques Mesnil in Paris.
Ehe wir von den Beziehungen zwischen der Kunst Masaccios und den
kunsttheoretischen Ideen der Renaissance sprechen dürfen, müssen wir
zuerst von den Grenzen dieser Kunst und von der Persönlichkeit des
Künstlers ein bestimmtes Bild gewinnen.
Allerdings ist Masaccio eine einzig dastehende Persönlichkeit, sei es,
daß man seine außerordentliche Frühreife, sei es die absolute Gemessen-
heit seiner Kunst berücksichtige. Frühentwickelte Persönlichkeiten waren
nicht selten in Italien in der Renaissanceperiode. Aber bei allen jungen
Künstlern, deren Genie sich schnell offenbarte, merkt man etwas von dem
Übermut ganz junger Leute: man fühlt den Wunsch, zu zeigen, was einer
weiß und wagt; die Einbildungskraft herrscht entschieden vor; man
neigt zu Äußerlichkeiten : leicht kommt es dazu, daß die Kraftäußerungen
der wirklichen, inneren Kraft nicht entsprechen, daß das Ornament die
organische Struktur überwuchere. Selbst ein so tiefer und so innerlicher
Charakter wie Leonardo war von diesem jugendlichen Zug nicht ganz
frei: es genügt, um sich davon zu überzeugen, die zierlichen Schnörkel
der Schrift des jungen Leonardo mit der Schrift des reifen Mannes, der
die Schönheit nur in funktionellen Elementen suchte, zu vergleichen.
Es scheint wohl, daß man in Masaccio jenen Zug ganz und gar ver-
mißt: er starb mit 26 Jahren, höchstens mit 271), und in den Meister-
stücken, die er als Fünfundzwanzigjähriger malte, war keine Spur von
jenen jugendlichen Übertreibungen: vergebens würden Sie darin irgend-
ein Bravourstück suchen: alles ist gemessen, ist im Gleichgewicht, kon-
zentriert sich auf einen Punkt: massive Figuren, die fest auf dem Boden
stehen, einfacher Faltenwurf, großumrissene Landschaften, Architek-
turen mit strenger Raumanordnung. Eben diese Qualitäten waren schon
dem florentinischen Publikum des 15. Jahrhunderts aufgefallen. Cristo-
foro Landino schrieb in seinem Commentar zur Divina Commedia (von
Nicolo della Magna 1481 gedruckt): ,,Fu Masaccio optimo imitatore di
natura di gran rilievo universale buono compositore et puro senza or-
IM WERKE MASACCIOS.
Von Jacques Mesnil in Paris.
Ehe wir von den Beziehungen zwischen der Kunst Masaccios und den
kunsttheoretischen Ideen der Renaissance sprechen dürfen, müssen wir
zuerst von den Grenzen dieser Kunst und von der Persönlichkeit des
Künstlers ein bestimmtes Bild gewinnen.
Allerdings ist Masaccio eine einzig dastehende Persönlichkeit, sei es,
daß man seine außerordentliche Frühreife, sei es die absolute Gemessen-
heit seiner Kunst berücksichtige. Frühentwickelte Persönlichkeiten waren
nicht selten in Italien in der Renaissanceperiode. Aber bei allen jungen
Künstlern, deren Genie sich schnell offenbarte, merkt man etwas von dem
Übermut ganz junger Leute: man fühlt den Wunsch, zu zeigen, was einer
weiß und wagt; die Einbildungskraft herrscht entschieden vor; man
neigt zu Äußerlichkeiten : leicht kommt es dazu, daß die Kraftäußerungen
der wirklichen, inneren Kraft nicht entsprechen, daß das Ornament die
organische Struktur überwuchere. Selbst ein so tiefer und so innerlicher
Charakter wie Leonardo war von diesem jugendlichen Zug nicht ganz
frei: es genügt, um sich davon zu überzeugen, die zierlichen Schnörkel
der Schrift des jungen Leonardo mit der Schrift des reifen Mannes, der
die Schönheit nur in funktionellen Elementen suchte, zu vergleichen.
Es scheint wohl, daß man in Masaccio jenen Zug ganz und gar ver-
mißt: er starb mit 26 Jahren, höchstens mit 271), und in den Meister-
stücken, die er als Fünfundzwanzigjähriger malte, war keine Spur von
jenen jugendlichen Übertreibungen: vergebens würden Sie darin irgend-
ein Bravourstück suchen: alles ist gemessen, ist im Gleichgewicht, kon-
zentriert sich auf einen Punkt: massive Figuren, die fest auf dem Boden
stehen, einfacher Faltenwurf, großumrissene Landschaften, Architek-
turen mit strenger Raumanordnung. Eben diese Qualitäten waren schon
dem florentinischen Publikum des 15. Jahrhunderts aufgefallen. Cristo-
foro Landino schrieb in seinem Commentar zur Divina Commedia (von
Nicolo della Magna 1481 gedruckt): ,,Fu Masaccio optimo imitatore di
natura di gran rilievo universale buono compositore et puro senza or-



