DER AUFSTIEG DER SEELE BEI DANTE
Von Arturo Farinelli in Turin.
Im reinen Äther, ungeblendet von der funkelnden Sonne, vom gött-
lichen Liebesstrahl seiner Beatrice emporgehoben, durchwandert der Dich-
ter der höchsten Mysterien der Schöpfung die unendlichen Räume seiner
ewigen Sterne. Sein Schwung ist so leicht, und so frei von Hindernissen
ist der himmlische Weg im wogenden Lichte, daß er seines blitzartigen
Fluges kaum gewahr wird. Hat er wirklich die Erde verlassen? Durch
welche geheime Kraft und göttliche Vorsehung erfolgt der Aufstieg ? Und
wie kann er, ein Mensch aus menschlicher Substanz, sich den physischen
Gesetzen entziehen und ungehemmt durch leichte Körper aufwärts glei-
ten? Zärtlich wendet Beatrice den Blick zu dem Schützling; und als sie
spricht, von himmlischer Weisheit erleuchtet, die „Summa" des heiligen
Thomas von Aquin beherrschend, lösen sich die Rätsel auf und erklären
sich die Wunder.
Hält doch die alleinige Tatkraft alle Dinge der Welt im wohlgeord-
neten Einklang zusammen, und muß ja jedes Wesen im Lebensmeer zu
seinem Ursprung und seinem, bald fernen, bald nahen Ziele schweben.
Wohl weichen manche vom vorherbestimmten Ziele und irren erdab-
wärts gezogen, so wie die Flamme weicht, vom Winde erregt; doch der
ersteTrieb drängt nach oben ; und aufwärts strebt und steigt das entsühnte,
gereinigte, vom Himmel stammende Geschöpf. Wozu noch ein Zweifeln ?
Staunen müßte der in ihrem strahlenden Lichte Fliegende, wenn er frei
von jeder Hemmung noch auf der Erde weilte. Dies Aufwärtssteigen ist
so wenig ein Wunder wie das Stürzen des Wassers abwärts von Klippe zu
Klippe. So, von jeder Schwankung und Erdenschwere frei, steigt der
Dichter in seiner paradiesischen Vision in unaufhaltsamem, pfeilgeraden
Flug von Sphäre zu Sphäre bis zum letzten kreisenden Gotteshimmel,
stillt seine Sehnsucht und träumt seinen ewigen Frieden.
Uns aber, die wir von unserer harten, nicht wegzudenkenden Erde
den Aufstieg des Dichters betrachten, lösen sich die Zweifel nicht so
leicht; kein Himmelsbote steht uns bei; die Weisheit der Seligen ist
uns versagt und törichte Vermessenheit erscheint uns, Welt- und Lebens-
Von Arturo Farinelli in Turin.
Im reinen Äther, ungeblendet von der funkelnden Sonne, vom gött-
lichen Liebesstrahl seiner Beatrice emporgehoben, durchwandert der Dich-
ter der höchsten Mysterien der Schöpfung die unendlichen Räume seiner
ewigen Sterne. Sein Schwung ist so leicht, und so frei von Hindernissen
ist der himmlische Weg im wogenden Lichte, daß er seines blitzartigen
Fluges kaum gewahr wird. Hat er wirklich die Erde verlassen? Durch
welche geheime Kraft und göttliche Vorsehung erfolgt der Aufstieg ? Und
wie kann er, ein Mensch aus menschlicher Substanz, sich den physischen
Gesetzen entziehen und ungehemmt durch leichte Körper aufwärts glei-
ten? Zärtlich wendet Beatrice den Blick zu dem Schützling; und als sie
spricht, von himmlischer Weisheit erleuchtet, die „Summa" des heiligen
Thomas von Aquin beherrschend, lösen sich die Rätsel auf und erklären
sich die Wunder.
Hält doch die alleinige Tatkraft alle Dinge der Welt im wohlgeord-
neten Einklang zusammen, und muß ja jedes Wesen im Lebensmeer zu
seinem Ursprung und seinem, bald fernen, bald nahen Ziele schweben.
Wohl weichen manche vom vorherbestimmten Ziele und irren erdab-
wärts gezogen, so wie die Flamme weicht, vom Winde erregt; doch der
ersteTrieb drängt nach oben ; und aufwärts strebt und steigt das entsühnte,
gereinigte, vom Himmel stammende Geschöpf. Wozu noch ein Zweifeln ?
Staunen müßte der in ihrem strahlenden Lichte Fliegende, wenn er frei
von jeder Hemmung noch auf der Erde weilte. Dies Aufwärtssteigen ist
so wenig ein Wunder wie das Stürzen des Wassers abwärts von Klippe zu
Klippe. So, von jeder Schwankung und Erdenschwere frei, steigt der
Dichter in seiner paradiesischen Vision in unaufhaltsamem, pfeilgeraden
Flug von Sphäre zu Sphäre bis zum letzten kreisenden Gotteshimmel,
stillt seine Sehnsucht und träumt seinen ewigen Frieden.
Uns aber, die wir von unserer harten, nicht wegzudenkenden Erde
den Aufstieg des Dichters betrachten, lösen sich die Zweifel nicht so
leicht; kein Himmelsbote steht uns bei; die Weisheit der Seligen ist
uns versagt und törichte Vermessenheit erscheint uns, Welt- und Lebens-



