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Als weiteres Beispiel der letzten Phase der Laubsäge-Orna-
mentik sei ein Evangeliar in Paris, Bibliotheque
Nationale, cod. suppl. gr. 7$, angeführt"". Die
Canonestafeln sind etwas derb gezeichnet"'*. Die blauen
Ranken heben sich vom blanken Pergamentgrund ab,
während die Laubsägetitel und Initialen (Abb. 156) und
ferner die die Evangelistenbilder einschließenden Rahmen
die übliche Technik des Goldes auf Blau zeigen. Die Evan-
gelistengestalten selbst (Abb. 155) sind bis auf ganz geringe
Reste vollständig abgeblättert und lassen in der sehr flott
ausgeführten Vorzeichnung nur den Typus als solchen er-
kennen. Matthäus (Abb. 1^)) Markus und Lukas sind
schreibend dargestellt nach Art des Lukas des Codex Paris
Coislin 19$"", der Johannes hingegen meditierend im
Lehnstuhl sitzend gleich dem Matthäus dieser Pariser
Handschrift.
An den Schluß des Kapitels sei noch eine kleine Gruppe
von Handschriften angefügt, welche als die spätesten Aus-
läufer der Laubsäge-Ornamentik angesehen werden dürfen
und ihren besonderen Charakter bekommen durch die Art
wie die reich verästelten Ranken und Palmetten in blasser,
himmelblauer Farbe auf den Pergamentgrund gesetzt sind.
Nur in der ersten Handschrift, einem Paulus-Brief an die
Römer in Florenz, Laurenziana, cod. Conv.
Soppr. 191, ist der Grund gelb (Abb. 157)- Sie ist im
Jahre 984 von einem gewissen Theophylaktos geschrieben"",
womit die Datierung dieser Ausläufer ins vierte Viertel
des 10. Jahrhunderts gegeben ist. Die folgenden fünf
Handschriften, eine Herätiker-Schrift des Epiphanias von
Cypern im Vatikan, cod. Urbin. gr. 1 7"^, eine
Homilien-Handschrift des Johannes Chrysostomos im Va -
tikan, cod. Urbin. gr. 21 (Abb. i$8)"", ein Neues
Testament im Vatikan, cod. Pius II. gr. $0
(Abb. 159)"°) eine Hiobs-Handschrift in Paris, Biblio-
theque Nationale, cod. gr. 1 und schließlich
eine Johannes-Chrysostomos-Handschrift, gleichfalls in
Paris, Bibliotheque Nationale, cod. gr. 669"*
gehören alle aufs engste zusammen. Es handelt sich bei
diesen Handschriften, die keineswegs aus anderen Scrip-
torien stammen müssen als die vorangehenden, da auch
in ihnen neben dem blanken Pergament vereinzelt Gold-
grund angewendet wird, um Nachzügler der Laubsäge-
Ornamentik aus einer Zeit, in welcher der Blütenblattstil
siA allgemein durchgesetzt hat.
Die Laubsäge-Ornamentik ist ni&t auf Konstantinopel
beschränkt. Aber wo sie in anderen Schulen auftritt, ist
"" Bordier, S. 21$. / Ebersolt, S. 44 Amu. 2, S. 78 Anm. 16,
Tal. 41, 2.
Abb. Ebersolt, Taf. 41.
"s Omont, Facs. Min., Taf. 81.
ne Vitelli-Paoli, Taf. 26. — Fol. 341: iSrij B^Xrofs) FBftxtt-
(5vo:) tß ET(ou{) ;u<-,ß Stä y(E[po{) &Eot?uXaxT(ou) rrpE(oßoT^poo) x(at)
Wp(o)0!(8a3xäXou).
Stornajolo, S. 26.
us Stornajolo, S. 30.
us Stevenson, Cat. Reg. Gr., S. 167. / Cavalieri, Cod. Hag. Gr.,
S. 241.
77° Bordier, S. 27. / Ebersolt, S. 23 Anm. 4.

sie einerseits sekundär gegenüber anderen Ornamentformen
(vgl. z. B. Abb. 411, 419, 470 u. a.), andererseits in einer
bunteren Farbtechnik wiedergegeben an Stelle des die
ganze Konstantinopeler Ornamentik beherrschenden klassi-
zistischen Geschmacks von Gold, Blau und zartem Grün.
Die Blütenblatt-Omamentik
Das früheste Beispiel, in dem der „Blütenblattstil", dem
wir vereinzelt schon im Berliner Hippiatrika-Codex (vgl.
S. 17 und Abb. 112) und einigen anderen Handschriften
(Abb. 14$ und ijo) im Zusammenhang mit dem Laubsäge-
stil begegneten, sich als alleinige Ornamentform durch-
gesetzt hat, ist eine Johannes Chrysostomos-Handschriff
in Dionysiu, cod. 70. Sie läßt sich ins Jahr 95$ da-
tieren"". In die Mitte des 10. Jahrhunderts also fallen die
Anfänge dieser Ornamentik, die sehr bald alle anderen
reichen und vielfältigen Formen der ersten Jahrhundert-
hälfte verdrängt und jahrhundertelang so gut wie aus-
schließlich den Schmuck byzantinischer HandsAriffen aus-
macht. Der Codex in Dionysiu ist, wie die Subskription
besagt, für den „Senator und obersten Eunuchen" des
Kaisers Konstantinos Porphyrogennetos, namens Basilios,
geschrieben. Dieser Basilios ist eine in der Geschichte be-
kannte Persönlichkeit. Er war Senatspräsident und Kanzler
dieses Kaisers und hat noch später für den jungenBasilios II.
die Regierung geführt"". Für die Geschichte der Buch-
malerei sind die historischen Hinweise von Bedeutung, weil
aus ihnen geschlossen werden kann, daß die Dionysiu-
Handschriff in einem Kloster geschrieben wurde, das in
engster Beziehung zum kaiserlichen Hofe stand.
Der Beginn einer jeden der fünfzig Homilien ist mit
einem Titel in „ID-Form geschmückt. Am typischsten
zeigt den Blütenblattstil der Titelbalken Abb. 160: Das
einzelne Blattgebilde besteht aus einem Kelchblattpaar mit
dreigliedriger Blattkrone. Trotz naturalistischer Behand-
lung des Blattdetails beruht diese Gesamtform keineswegs
auf Naturbeobachtung, sondern übernimmt ein überliefertes
Schema. In der Mitte dieses Fünfblattes sitzt ein kleines
Blütenkelchblatt. Der Eindruck des Vegetabilen wird unter-
stützt durch die Häkchen an den Blatträndern, die einen
plastischen Blattumschlag Vortäuschen sollen. Die Zwickel
der Medaillons sind mit Kelchblättern gefüllt. Diese Form
des Blütenblattes wird die in der Folgezeit sich all-
gemein durchsetzende kanonische, ebenso wie dessen Farb-
gebung. Stets sind die blauen Blatteile mit Weiß, die
Bordier, S. 118, Fig. 37. / Ebersolt, S. 33 Anm. 3.
Lambros II, S. 323. / Weitzmann, ArAäolog. Anzeiger 1933,
Sp-332,Abb. 13. — F0L418V: ^ypdtpr] TM MosOTCtTM ßKStXstMTKXTptfxiM)
x(al) *ap2xot[AMpi4vM roü tptXoyptOTOu x(at) äytoo ijjXMO ßastX^(Ms) XM\-
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AayAroo pt(i)Vt) iooXtM MtXTtooo(;) q. Die Jahreszahl selbst ist niAt
genannt, sondern nur die 13. Indiktion. Jener Basilios, für den die
HandsAriA geschrieben ist, wird ausdrü&HA als Hofbeamter des
Konstantinos Porphyrogennetos genannt. Als 13. Indiktion innerhalb
der selbständigen HerrsAaA dieses Kaisers kommt nur das Jahr 933
in Betracht.
773 Krumbacher, GesAichte der byzantinisAen Literatur, S. 990.

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