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Wemhoff, Matthias <Prof. Dr.>
Das Damenstift Herford: die archäologischen Ergebnisse zur Geschichte der Profan- und Sakralbauten seit dem späten 8. Jahrhundert (Band 1): Text — Bonn, 1993

DOI Page / Citation link:
https://doi.org/10.11588/diglit.29808#0066
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48

M. Wemhoff, Das Damenstift Herford

II. 11 Periode VIII: Die baulichen

Maßnahmen seit dem Rathausbau

ßauphasen:

Zone II: Rathausbau

Zone IX: Haus Münsterkirchplatz 5

II. 11.1 Die Entwicklung bis zur heutigen Platzge-
stalt

Nachdem die Stadt im Jahre 1900 das Spinnereigebäude
gekauft hatte, schrieb sie einen Architektenwettbewerb
zum Neubau des Rathauses aus. Diese Maßnahme war
nach dem 1877 vollzogenen Abriß des Rathauses auf
dem Alten Markt und der folgenden provisorischen
Unterbringung dringend notwendig. Zunächst war die
Einbeziehung des Abtei-Westflügels in die Neuanlage
geplant. Der Architekt Prof. Kanold begeisterte jedoch
durch seinen großzügigen, über die zunächst vorgese-
hene Fläche hinausreichenden Entwurf. Er gewann den
Architektenwettbewerb und so konnten zwischen 1913
und 1917, also in der Kriegszeit, das Rathaus und die
Markthalle im neobarocken Stil in großen Dimensionen
gebaut werden.261

Das Rathaus bezog im Westen das bis in die Aaniede-
rung reichende, feuchte Gartengelände mit ein. Daher
mußte dieses Areal erheblich aufgefüllt werden. Gleich-
zeitig trug man im Osten das höhere Gelände zwischen
der alten Abtei und der Münsterkirche um über einen
Meter ab. Die Abtragung ist noch gut am Kantorhaus
südlich der Kirche zu erkennen. Der Schwellbalken die-
ses Hauses liegt einen Meter oberhalb des heutigen
Platzniveaus. Auch die Treppe zum Westportal der
Münsterkirche wurde erst durch die Geländeabtragung
notwendig, bei der somit sehr viel archäologische Sub-
stanz zerstört wurde.262

11.11.2 Ausblick

Rathaus und Markthalle prägen auch heute das Bild des
Platzes und bilden ein städtebaulich bedeutendes En-

261 Die Unterlagen des Architekturwettbewerbs sind vollständig im
Stadtarchiv Herford erhalten und könnten eine ausgezeichnete
Grundlage für eine architekturgeschichtliche Arbeit bieten.

262 Über die Abtragungen sind umfangreiche Aufzeichnungen im
Kommunalarchiv Herford erhalten. Die Tageszettel der Bau-
firma enthalten wiederholt den Eintrag "Ausbrechen alter Fun-
damente". Ebenso berichteten die Tageszeitungen von einigen
Funden bei den Abtragungsarbeiten; vgl. auch Pape 1988 II,
153-155, bes. Anm. 55f. Die über die Schilderung der Abtra-
gung und die Wiedergabe von Zeitungsnotizen hinausgehenden
Ausführungen dort sind jedoch völlig spekulativ und irrefüh-
rend; der "Urnenfund" ist nicht mit Schallgefäßen in Verbin-
dung zu bringen, schon gar nicht kann daraus ein Hinweis auf
die Lage einer Kirche gewonnen werden. Bemerkenswert ist je-
doch der angebliche Fund eines Grabgewölbes im Abteibereich.
Es könnte sich hier um eine Gruft innerhalb der Äbtissinnenka-
pelle gehandelt haben.

semble vom Beginn dieses Jahrhunderts, das damals
ohne Rücksicht auf alte Baufluchten angelegt worden
ist. Nur der schloßartige Charakter des Rathauses erin-
nert noch an die Abtei, die über fünf Jahrhunderte hier
gestanden hat. Es ist heute notwendig, sich den Platz als
Schöpfung des 20. Jahrhunderts vor Augen zu führen,
denn nur dann wird klar, wieso die den Platz heute nach
Osten abschließende Westfassade der Münsterkirche so
schmucklos ist und der nördliche Turm nie aufgeführt
wurde. Die Westseite der Kirche war nie als Schauseite
gedacht, sondern immer vom Abteigebäude verstellt.

Während das alte Abteigelände somit durch den Rat-
hausbau im 20. Jahrhundert wieder ins Zentrum des Ge-
schehens rückte, geriet der ehemalige Stiftsbereich
nördlich der Münsterkirche immer mehr ins Abseits.
Die verhängnisvolle Herforder Verkehrspolitik, der
mehr als ein Drittel des Stadtgebiets bei der Anlage des
Innenstadtrings zum Opfer fiel, verschonte auch diesen
Bereich nicht. Mit dem voluminösen Ausbau der Straße
"Auf der Freiheit" und der unsinnigen Verbreiterung der
Straße zwischen Münster und Rathaus wurde er zur nur
noch als Parkplatz nutzbaren Restfläche degradiert. Die
kriegsbeschädigten Häuser Baumann und Böcker sowie
das Haus Dr. Lange wurden abgerissen und sind bisher
nicht ersetzt.

Zum Abschluß der Grabungen stand die Gestaltung der
Fläche Münsterkirchplatz wieder zur Diskussion. Der
Vorschlag, hier unter Einbeziehung der gut erhaltenen
Wände des eingetieften Raumes im Nordtrakt (Zone
VIII, Nordtrakt II) das neue stadtgeschichtliche Mu-
seum zu errichten, fand viele Befürworter.263 Leider
kam es bisher nicht zu einer positiven Entscheidung.
Die inzwischen ausgeführte Neupflasterung und die Er-
richtung kleinerer Mauerzüge in der Flucht der älteren
Fundamente des Nordtrakts macht die Lage der Ge-
bäude im heutigen Platz kenntlich. Eine endgiiltige Ge-
staltung steht jedoch noch aus. Nur das Areal nördlich
des Chores behielt das im 17. und 18. Jahrhundert ent-
standene Bild eines locker umbauten Platzes auch nach
dem Neubau (1910) des Pfarrhauses Münsterkirchplatz
5 bei. Ursprünglich wirkt auch noch der Garten hinter
diesem Haus und die baumbestandene Geländekante zur
inzwischen verrohrten Bowerre.

Es bleibt nur zu hoffen, daß für diese historisch so be-
deutenden Bereiche nördlich der Münsterkirche Lösun-
gen gefunden werden, die etwas von dem Charakter des
ehemaligen Klausurbereichs aufnehmen und die in der
Lage sind, die historischen Zusammenhänge zu vermit-
teln.

263 Der Stadt Herford habe ich im September 1989 den Entwurf ei-
nes Konzepts für ein stadtgeschichtliches Museum vorgelegt.
Gleichzeitig wurde die Einrichtung eines Museums in den alten
Fabrikgebäuden der Firma Sulo vorgeschlagen. Zu einer Ent-
scheidung ist es bisher noch nicht gekommen. Auf der Grund-
lage des Entwurfs wurden bereits Architekturmodelle für ein
Museum an dieser Stelle entwickelt.
 
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