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Wemhoff, Matthias <Prof. Dr.>
Das Damenstift Herford: die archäologischen Ergebnisse zur Geschichte der Profan- und Sakralbauten seit dem späten 8. Jahrhundert (Band 1): Text — Bonn, 1993

DOI Page / Citation link:
https://doi.org/10.11588/diglit.29808#0068
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50

M. Wemhoff, Das Damenstift Herford

griffen, insbesondere beim Bau der Fabrikhalle mit dem
Wandfundament 914 stark verändert, so daß eine ge-
nauere Ansprache der Schachtanlagen nicht möglich ist;
vermutlich dienten sie als Standort der mit Wasserkraft
angetriebenen Maschinen.

In die Kammer des Wasserrads wurde nach der Über-
nahme der Fabrik durch Friedrich Ludwig Schönfeld
1834 die erste Wasserturbine Preußens eingebaut. Der
westliche Rand der Turbinenkammer 927 konnte gerade
noch im Untersuchungsgebiet gefaßt werden. In seiner
jetzigen Gestalt wird er zur Aufnahme der wenig später
aufgrund der geringen Leistung der Vorgängerin einge-
bauten zweiten Turbine bestimmt gewesen sein. Die
Umbauten im nördlich anschließenden Schachtsystem
915 und 916 sowie 910 und 918 könnten im Zusam-
menhang mit den Umbauten bei der Aufgabe des Was-
serrads und dem Einbau der Turbine vorgenommen
worden sein.

Mit Ausnahme des Kanals stammten die flächenmäßig
größten Befunde erst von der jüngsten Energiegewin-
nungsanlage, der 1847 aufgestellten Dampfmaschine.
Sie stand im zum Erdgeschoß geöffneten, östlichen
Abteikeller auf dem Fundament 867 und konnte so di-
rekt die in den Räumen der alten Abtei aufgestellten
Maschinen versorgen. Teile der Dampfmaschine, ver-
mutlich die Ständer des Balanciers, standen auf einem
Fundament aus massiven Sandsteinblöcken 846 südlich
des Kellers. Außerhalb des Gebäudes ragte wohl ober-
halb 848 der Schornstein auf.

Südöstlich davon errichtete man ein neues Kesselhaus,
dessen Inneres von vier Schachtanlagen eingenommen
wurde. Sämtliche Mauem bestanden aus Backsteinen.
Am tiefsten war der Schacht 840 mit den Eisenbahn-
schienen angelegt. Möglicherweise befand sich auf den
Schienen ein Wasserreservoir. Der südlich anschlie-
ßende tiefe Schacht mit der Zugklappe 807 wird die Be-
feuerung des Kessels ermöglicht haben. Oberhalb des
Kanals befanden sich zwei lange, flache Schachtanla-
gen, deren Funktion unklar ist. Es schien nicht so, als ob
die Seitenwände dieser Schächte wesentlich höher
geragt hätten.

Sämtliche Schächte wiesen starke Brandspuren auf, die
nicht alle durch die Beheizung des Kessels verursacht
worden sein können, sondern z.T. dem großen Brand
von 1876 zuzuschreiben sind. Ein Foto von 1876, die
einzige bekannte Ansicht des Bereiches mit den Ener-
giegewinnungsanlagen, macht die enorme Zerstörung
deutlich. Dieses Photo sowie ein etwas älterer Plan, auf
dem der Standort der Dampfmaschine, das Kesselhaus
mit Wasserreservoir und die weiteren Fabrikgebäude
eingezeichnet sind, bilden eine wichtige Grundlage der
Interpretation der industriezeitlichen Grabungsbe-
funde.269

Die Grabungen sind im Bereich des Turbinenschachts
nicht nur aus finanziellen, sondern auch aus konservato-

269 Die Vorlage des Planes ist auch als Grundlage einer im Stadtar-
chiv Herford aufbewahrten Skizze für einen 1890 vorgenomme-
nen Umbau benutzt worden (KAHF, II, 41). Abbildung des Pla-
nes in: Langkafel 1989, 52.

rischen Gründen nicht weitergeführt worden, da, falls
die Turbine an Ort und Stelle verblieben ist, sie dort im
Grundwasserbereich am besten konserviert wird. Nach
Abschluß der Grabungen wurde der Kanalaustritt in
Flöhe des Scheitelbogens abgemauert, anschließend er-
folgte die Verfüllung. Vor der Neupflasterung sind die
offenliegenden Befunde durch eine Sandabdeckung ge-
sichert worden.

III.1.2 Pfostenbauphase I

Lage: 63/80 Ost
96/110 Süd

Befunde:

Gruben: 726, 727, 728,729, 730

Gruben: 559, 710, 711, 719, 720, 721, 722, 731

Beschreibung:

Die Pfostengruben 726-730 sind dem Gebäude der Pfo-
stenbauphase I in Zone II zugewiesen worden und dort
beschrieben. Alle Gruben der Zone I, die keinen Mörtel
in der Verfüllung enthielten, werden der ersten Bau-
phase zugerechnet. Die Gruben waren nicht mehr zu
Gruppen zu ordnen. Die Pfostengrube 711 gehörte zu
einem abgebrannten Gebäude, da in der Verfüllung der
Pfostenspur sehr viel Brandschutt lag. 711 könnte daher
mit der ebenfalls Brandschutt enthaltenden Grube 559
in Beziehung gestanden haben.

Datierung:

Mit Ausnahme von vier Wandscherben uneinheitlich
gebrannter Irdenware in der Grube 559 ist kein Fund-
material geborgen worden, so daß Datierungshinweise
nur durch den Vergleich mit den benachbarten Befun-
den gewonnen werden können. Wie letztere können die
Pfostengruppen der Periode II zugewiesen werden, in
der als einziger Periode des Stiftes keine Steinbauten
nachweisbar waren.

III.1.3 Pfostenbauphase II

Lage: 64/80 Ost

104/110 Süd

Befunde:

Gruben: 553, 554, 560, 561, 562, 563, 565, 712, 714

Beschreibung:

Die Verfüllungen der Gruben enthielten Mörtelschutt,
daher werden sie getrennt von denen der Pfostenbau-
phase I behandelt. Die Zuordnung und Interpretation
gestaltet sich ähnlich schwierig, da die Gruben über
 
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